Darauf steckte er ein Licht an und ging in ihr Schlafzimmer. Er hielt die Hand vors Licht, als er eintrat, wie wenn er ein Verbrechen begehe. Aber der Raum glich nicht dem Schlafzimmer einer Frau. Ein schmales Bett ohne Umhang. Ein Sekretär, ein Büchergestell, ein Nachttisch, ein Sofa. Ganz wie in seinem Zimmer. Kein Toilettentisch, nur ein kleiner Wandspiegel.

Dort hing ihr Kleid. Er sah, wie die dicke durchwirkte Serge die Formen ihres Körpers abgedrückt hatte. Er fuhr mit der Hand über den Stoff und legte sein Gesicht an die Halskrause; dann schlang er den Arm um die Taille, aber das Kleid fiel wie ein Schemen zusammen.

– Und man sagt, die Seele sei ein Geist, dachte er. Aber dann muss sie wenigstens ein körperlicher Geist sein.

Er näherte sich dem Bett, als erwarte er, eine Erscheinung zu sehen. Er berührte alles, nahm alles in die Hand.

Schliesslich, als habe er etwas gesucht, etwas, das ihm ein Rätsel lösen sollte, begann er an den Handgriffen der Sekretärschubladen zu ziehen; sie waren alle verschlossen. Dann zog er wie zufällig die Schublade des Nachttisches auf. Stiess sie aber schnell wieder zu. Hatte jedoch schon den Titel einer Broschüre lesen und den Zweck einiger ungewöhnlicher Gegenstände ahnen können.

Das war es also! „Fakultative Sterilität!“ Was für die Unterklasse, der man die Existenzmittel genommen, eine Rettung von der Armut sein sollte, war das Werkzeug des Egoismus, der letzten Konsequenz des Idealismus, geworden. War die Oberklasse degeneriert, da sie sich nicht mehr vermehren wollte, oder war sie moralisch verfault? Wohl beides, da sie es für unmoralisch hielt, uneheliche Kinder zu gebären, und für niedrig, eheliche zu gebären.

Aber er wollte Kinder haben! Er hatte die Existenzmittel dazu, und er hielt es sowohl für eine Pflicht wie für einen berechtigten Genuss, sein Wesen in ein neues Dasein übergehen zu lassen. Das war des wahren, des gesunden Egoismus natürlicher Weg zum Altruismus. Sie aber ging einen anderen Weg und arbeitete Jacken für fremde Kinder. War das schöner? Es sollte nach etwas aussehen! Aber es war nur die Furcht vor der Last der Mutterschaft, und es war billiger und weniger mühsam, auf dem Sofa eines Salons eine Jacke zu arbeiten, als das arbeitsreiche Leben einer Kinderstube durchzumachen.

Es war eine Schande geworden, Weib zu sein, Geschlecht zu haben, Mutter zu werden.

Darin lag es. Arbeiten für den Himmel, für höhere Interessen, für die Menschheit, so hiess es; aber für die Eitelkeit, für die Selbstsucht, für die Öffentlichkeit, das war es.

Und er hatte sie noch beklagt, er hatte bedauert, dass er über ihre Unfruchtbarkeit unwillig gewesen. Er hatte sich einmal die Verachtung „guter und rechtschaffener“ Menschen zugezogen, weil er nicht mit der Achtung, die man dem Unglück schuldet, von den unfruchtbaren Frauen gesprochen: die seien heilig, weil sie von dem grössten Unglück getroffen seien, das ein Weib treffen könne.