– Ja, aber dieses Leben werde unerträglich. Sie könne nicht nur für die Familie leben, sie wolle auch für andere leben.
– Sie solle nur erst mit der Familie anfangen; später könne man immer noch an die andern denken.
Das Gespräch hätte Ewigkeiten dauern können, aber eine gute Stunde dauerte es doch.
Der Advokat war natürlich fast den ganzen Tag fort, und wenn er nach Haus kam, hatte er Sprechstunde. Dann wollte Adele verzweifeln. Er schloss sich mit andern Frauen ein, und die machten ihm vertrauliche Mitteilungen, die er ihr nicht weiter erzählen durfte. Immer standen Geheimnisse zwischen ihnen, und sie fühlte, dass er ihr überlegen war.
Ein dumpfer Hass begann bei ihr zu wachsen, ein Hass gegen das Ungerechte in diesem Verhältnis; sie suchte nach einem Mittel, um ihn hinunter zu ziehen. Hinunter musste er, damit sie beide auf gleiche Höhe kamen.
Eines Tages machte sie den Vorschlag, eine Heilanstalt zu gründen. Er riet ab, weil er mit seiner Praxis genug zu tun habe. Dann aber dachte er, es wäre gut, wenn sie eine Beschäftigung bekomme; dann würde sie ruhiger werden.
Sie bekam ihre Anstalt, und er trat mit ihr in die Direktion ein.
Sie sass nun in der Direktion und herrschte. Als sie ein halbes Jahr regiert hatte, fühlte sie sich so bewandert in der ärztlichen Kunst, dass sie auf eigene Hand Ratschläge gab und Auskünfte erteilte.
– Das sei keine Kunst, meinte sie!
Einmal hatte der Arzt der Anstalt einen Irrtum begangen, und seitdem besass sie kein Vertrauen mehr zu ihm. Die Folge war, dass sie eines Tages im Gefühl ihrer natürlichen Oberhoheit, als er abwesend war, selber ein Rezept schrieb. Das Rezept wurde ausgefertigt, auch vom Patienten eingenommen, jedoch mit tödlichem Ausgang.