– Grosse weibliche Krebse, sagt Gustav, geht nach der Küchenklappe und ruft: Grosse weibliche Krebse, für den Herrn Lehrer, und viel Dill!

Dann holt er eine Garnitur Butter und Käse, schneidet zwei Scheiben Pumpernickel und stellt alles auf den Tisch des Lehrers. Der hat in der Veranda eine Razzia nach den Abendzeitungen gehalten, aber nur die offizielle „Postzeitung“ gefunden. Zum Ersatz nimmt er das „Tageblatt“, mit dem er mittags nicht fertig geworden ist, und setzt sich hin, um es zu lesen, nachdem er die Postzeitung aufgeschlagen, umgefaltet und links neben sich auf den Brotkorb gelegt hat. Dann streicht er mit dem Messer einige geometrische Butterfiguren auf den Pumpernickel, schneidet aus dem Schweizerkäse ein Rechteck, giesst den Schnaps zu drei Vierteln ein und führt ihn bis zur Höhe des Mundes: dort macht er eine Pause, als zögere er vor einer Medizin, wirft den Kopf zurück und sagt huh!

Das hat er nun zwölf Jahre getan und wird es tun bis zu seinem Sterbetage.

Als die Krebse, sechs Stück, angelangt sind, untersucht er deren Geschlecht, und da nichts einzuwenden ist, geht er an den genussreichen Akt. Die Serviette wird mit der einen Ecke hinter den Kragen gesteckt, zwei Brotscheiben mit Käse werden neben den Teller bereit gestellt, und er giesst sich ein Glas Bier und einen halben Schnaps ein. Darauf nimmt er das kleine Krebsmesser und beginnt die Schlacht. Nur er allein kann in Schweden Krebse essen, und wenn er einen andern Krebse essen sieht, sagt er: Du kannst nicht Krebse essen. Zuerst macht er einen Schnitt um den Kopf des Krebses, und nachdem er das Loch für den Mund bekommen hat, saugt er.

– Das ist das Feinste, sagt er.

Dann löst er den Thorax vom Untergestell, ritzt Blutadler, wie er es nennt, setzt die Zähne an den Rumpf und saugt mit tiefen Zügen; darauf schlürft er die kleinen Beine wie Spargel. Dann isst er eine Prise Dill, trinkt einen Schluck Bier, beisst in den Pumpernickel. Nachdem er die Klauen genau geschält und die feinsten Kalkröhren ausgesogen hat, verzehrt er das Fleisch, um dann zum Schwanz überzugehen. Als er drei Krebse gegessen hat, nimmt er einen halben Schnaps und liest die Ernennungen in der Postzeitung. So hat er es zwölf Jahre gemacht und so wird er es immer machen.

Er war zwanzig Jahre alt, als er in diesem Lokal zu essen anfing, jetzt ist er zweiunddreissig, und Gustav ist zehn Jahre Kellner hier! Der Lehrer ist der Älteste hier, er ist älter als der Wirt, denn der hat den Betrieb erst seit acht Jahren! Er hat viele Reihen von Mittagsgästen gesehen; einige hielten ein Jahr, zwei Jahre, fünf Jahre aus; dann verschwanden sie, gingen nach einem andern Lokal, zogen nach einem andern Ort, oder verheirateten sich. Er fühlte sich sehr alt, und doch zählte er nur zweiunddreissig Jahre! Dies ist sein Heim, denn in seinem möblierten Zimmer schläft er nur.

Die Uhr wird zehn. Da erhebt er sich und geht in den kleinen Saal, wo sein Grog auf ihn wartet. Jetzt kommt der Buchhändler. Sie spielen Schach oder sprechen über Bücher. Um halb elf kommt die zweite Geige vom Dramatischen Theater. Es ist ein alter Pole, der nach 64 nach Schweden floh und sich nun sein Leben damit verdienen muss, was ihm früher ein Vergnügen gewesen. Der Pole und der Buchhändler haben die fünfzig erreicht, aber sie gedeihen mit dem Lehrer, als sei er vom gleichen Alter.

Hinter dem Ladentisch sitzt der Wirt. Er ist ein alter Schiffskapitän, der sich in die Restauratrice verliebte und beschloss, sein Schicksal mit dem ihren zu vereinen. Sie herrscht jetzt in der Küche und hält immer die Klappe offen, um ein Auge auf den Alten zu haben, damit er sich nicht etwa ein Räuschchen antrinkt, ehe die Gäste gehen. Wenn aber das Gas gelöscht und das Bett gemacht ist, kriegt der Alte einen Napf mit Grog von Rum als Schlaftrunk.

Um elf Uhr beginnen die jungen Herren zu kommen, die vorsichtig an den Ladentisch herantreten und den Wirt flüsternd fragen, ob eine Treppe hoch ein „Privatzimmer“ frei sei; und dann hört man das Rauschen von Röcken, die durch den Flur schlüpfen, um ungesehen die Treppe hinaufzukommen.