In den Zeitungen sah er nur eine Partie Schach; die Politik war für ihn ein interessantes Spiel – um den König, nichts weiter, denn er war erzogen wie alle andern: es war für ihn ein Glaube, was in der Welt geschieht, gehe uns nichts an, dafür sorgten die, denen Gott die Macht gegeben habe. Diese Art, die Dinge zu sehen, gab seiner Seele eine grosse und stille Ruhe; er beunruhigte niemanden und wurde von nichts beunruhigt. Wenn er zuweilen fand, etwas sei besonders töricht, tröstete er sich damit, dass es eben nicht zu ändern sei! Die Erziehung hatte ihn zum Egoisten machen müssen, und der Katechismus hatte ihn gelehrt: wenn jeder seine Pflicht tut, so geht alles gut, was uns auch zustösst. Er tat seine Pflicht auch musterhaft in der Schule; kam nie zu spät; war niemals krank. Auch in seinem Privatleben war er ohne Tadel; bezahlte seine Miete auf den Tag, ass nie auf Kredit und ging zu „Frauen“ ein Mal in der Woche (er sagte nie, dass er zu „Mädchen“ gehe). Sein Leben zog dahin wie ein Zug auf blanken Schienen, nach dem Sekundenzeiger, durch die bestimmten Stationen, und als kluger Mann vermied er jeden Zusammenstoss. Die Zukunft, an die dachte er nicht, denn ein wahrer Egoist denkt nicht so weit, aus dem einfachen Grund, weil die Zukunft sein nicht mehr ist als höchstens zwanzig, dreissig Jahre.
So verging sein Leben!
Es war Mittsommermorgen, strahlend, sonnig, wie er sein soll. Der Lehrer lag in seinem Bett und las über die Kriegskunst der Egypter, als Mamsell Auguste mit dem Kaffee herein kam. Sie hatte dem Tage zu Ehren Safranbrot geschnitten und Fliederblüten auf die Serviette gelegt. Schon am Abend vorher hatte sie einige Birkenzweige hinter den Ofen gesteckt, reinen Sand mit einigen Schlüsselblumen in den Spucknapf getan und ein Glas mit Maiblumen auf den Spiegeltisch gestellt.
– Nun, werden Sie nicht auch heute eine Vergnügungstour unternehmen, Herr Blom? fragte die Alte und liess die Augen über die Ausschmückung schweifen, die sie für die kleine Kammer angewandt hatte, um ein Wort der Anerkennung oder des Dankes zu erhalten.
Aber Herr Blom hat die Ausschmückung gar nicht bemerkt, sondern antwortete ganz trocken:
– Nein, das wissen Sie doch, Mamsell Auguste, dass ich nie Vergnügungstouren mache, weil ich von der Menge nicht gestossen noch von Kindern totgeschrien werden will.
– Aber an solch einem schönen Mittsommertag kann man doch nicht in der Stadt bleiben. Wenigstens in den Tiergarten werden Sie doch gehen?
– Das wäre wohl das letzte für mich, besonders heute, wo alle möglichen Leute dort sind. Nein, ich habe es hier in der Stadt so gut, und diese Faxen mit den Feiertagen werden doch einmal ein Ende nehmen.
– Lieber Herr Blom, wandte die Alte ein, viele Menschen finden, es sind noch viel zu wenig Feiertage in dem schweren Arbeitsjahr. Wollen Sie mir aber bitte sagen, ob Sie noch etwas wünschen; meine Schwester und ich wollen eine Dampferfahrt machen, von der wir nicht vor zehn Uhr abends zurückkommen?
– Viel Vergnügen, Mamsell Auguste, ich brauche nichts und sorge schon selber für mich! Die Portierfrau kann das Zimmer in Ordnung bringen, wenn ich gegen Mittag ausgehe.