Und er blieb allein mit seinem Kaffee. Als er getrunken hatte, steckte er sich eine Zigarre an und blieb im Bett liegen mit seiner ägyptischen Kriegskunst. Das Fenster, das offen stand, riss an seinem Haken bei einem schwachen Südwind. Um acht Uhr läutete die nächste Kirche mit allen ihren Glocken, grossen und kleinen, und die anderen Kirchen von Stockholm, Katharina, Maria und Jakob, fielen ein; es bimmelte und bammelte, dass es einen Heiden zur Verzweiflung bringen konnte. Als das Läuten schwieg, begann ein Kanoniersextett auf der Kommandobrücke eines Dampfers eine Française aus dem Theaterstück „Die schwache Seite“. Der Lehrer wand sich auf dem Laken seines Bettsofas und hätte sich gern die Mühe gemacht, aufzustehen und das Fenster zu schliessen, wenn es nicht zu warm gewesen wäre. Und dann waren Trommelwirbel zu hören, die aber unterbrochen wurden von einem neuen Messingquintett, das auf einem anderen Dampfer den Jägerchor aus dem „Freischütz“ spielte. Aber die unglückverheissenden Trommelschläge näherten sich. Das waren die Scharfschützen, die aufs freie Feld hinauszogen und die Strasse passieren mussten. Jetzt hörte er den Scharfschützenmarsch sechs Male, dazwischen die Pfiffe, die Glocken, die Messingmusik der Dampfer, bis diese Töne schliesslich mit den Schraubenschlägen verklangen.

Er stand um zehn Uhr auf und setzte das Rasierwasser auf seinen Spirituskocher. Das gestärkte Hemd lag auf der Kommode so weiss und so steif wie ein Brett. Er brauchte eine Viertelstunde, um die Knöpfe in die Knopflöcher zu stecken. Dann rasierte er sich eine halbe Stunde. Kämmte sich sorgfältig, als führe er eine äusserst wichtige Verrichtung aus. Als er die Hosen anzog, hielt er das untere Ende hoch, damit es auf dem Boden nicht staubig werde.

Sein Zimmer war einfach, äusserst einfach und ordentlich. Es war unpersönlich, abstrakt wie ein Hotelzimmer. Und doch hatte er dort zwölf Jahre gewohnt. Bei den meisten Menschen pflegen sich während eines solchen Zeitraums eine Menge Kleinigkeiten anzusammeln: Geschenke, kleine Überflüssigkeiten, Zierat, Luxusgegenstände. Nicht eine Gravüre hing hier an der Wand, die als Beilage einer illustrierten Zeitung eine Gefühlssaite angeschlagen; keine Decke, von freundlichen Schwestern gehäkelt, lag auf den Stühlen; keine Photographie eines lieben Gesichts stand, kein gestickter Federwischer lag auf dem Schreibtisch. Alles war zum besten Preis gekauft, um unnötige Ausgaben zu ersparen, welche die Unabhängigkeit des Besitzers beeinträchtigt hätten.

Er legte sich ins Fenster, um auf die Strasse und über den Artillerieplatz hinweg bis zum Hafen zu sehen. In dem Haus, das schräg gegenüber lag, sah er eine Frau im Korsett ihre Toilette machen. Er wandte sich fort, wie von etwas Hässlichem, oder von etwas, das seine Ruhe stören konnte. Unten im Hafen flaggten alle Segelschiffe und Dampfer, und das Wasser glitzerte im Sonnenschein. Zur Kirche hinauf wanderten einige alte Frauen mit Gesangbüchern in den Händen. Vor dem Hof der Artillerie ging der Posten mit seinem Säbel und sah missvergnügt aus, dann und wann nach der Turmuhr blickend, um nachzusehen, wie weit es noch zur Ablösung sei. Sonst lagen die Strassen leer, grau, heiss da. Er sah wieder zu der Frau hinüber, die sich ankleidete. Sie hatte eine Puderquaste genommen und puderte sich die Nasenwinkel vor dem Spiegel mit einer Miene, die sie einem Affen ähnlich machte. Er stand vom Fenster auf und setzte sich in den Schaukelstuhl.

Er machte sein Programm für den Tag, denn er hatte nun einmal eine dunkle Furcht vor der Einsamkeit. Am Alltag hatte er die Schuljugend um sich, und obwohl er diese wilden Tiere nicht liebte, die er zähmen, das heisst die schwere Kunst der Verstellung lehren sollte, fühlte er doch eine gewisse Leere, wenn er nicht bei ihnen war. Jetzt während der Sommerferien hatte er eine Ferienschule eingerichtet, aber auch deren Besucher hatten kurze Mittsommerferien, und er war nun mehrere Tage allein gewesen, die Stunden der Mahlzeiten ausgenommen, in denen er immer auf den Buchhändler und die zweite Geige rechnen konnte.

– Um zwei Uhr, dachte er, wenn die Parade vorbei ist und der Volksstrom sich aufgelöst hat, gehe ich in meine Kneipe und esse zu Mittag; dann nehme ich den Buchhändler mit mir nach Strömsborg; dort ist es heute still und leer, und dort trinken wir Kaffee und Punsch, bis es Abend wird, dann kehren wir nach Rejners (so hiess seine Kneipe am Berzeliuspark) zurück.

Punkt zwei nahm er seinen Hut, bürstete sich sorgfältig und ging.

– Ich möchte wissen, ob es heute gedämpfte Barsche gibt, dachte er. Und soll man sich heute Spargel leisten, da es Mittsommer ist!

So spazierte er seinen Weg, längs der hohen Mauer der Staatsbäckerei. Im Berzeliuspark sassen Arbeiterfamilien mit Kinderwagen auf denselben Bänken, auf denen an Alltagen die Bonnen der Vornehmen zu sitzen pflegten. Er sah, wie eine Mutter ihrem Kind die Brust gab. Eine grosse volle Brust, in die das Kind mit seinem fleischigen Händchen so tief hineingriff, dass das Händchen zur Hälfte verschwand. Der Lehrer wandte sich mit Ekel ab. Es störte ihn, diese Fremden in seinem Park zu sehen. Das war für ihn Dienerschaft im Salon, wenn die Herrschaft fort ist, und er konnte ihnen nicht verzeihen, dass sie hässlich waren.

Er kam an die Glasveranda und wollte die Hand auf die Türklinke legen, noch ein Mal an die schönen Barsche denkend, „mit viel Petersilie“, als er an der Glasscheibe ein weisses Papier sieht, auf dem etwas geschrieben steht. Er braucht es nicht zu lesen, denn er weiss, was es enthält: dass die Kneipe über Mittsommer geschlossen ist; aber er hat es vergessen! Es war, als sei er mit dem Kopf an einen Laternenpfahl gestossen! Er war wütend. Zuerst auf den Wirt, dass er geschlossen hatte; dann auf sich selbst, dass er vergessen, dass heute geschlossen werden sollte! Er fand es so ungeheuerlich, dass er etwas so Wichtiges hatte vergessen können, dass er es nicht glauben wollte, sondern nach einem andern suchen musste, der schuld war, dass er es hatte vergessen können. Das war natürlich der Wirt. Er war entgleist, zusammengestossen, vernichtet. Er setzte sich auf eine Bank und hätte vor Wut beinahe geweint.