Als er in das Tiergarten-Restaurant trat, machte er sich so gerade wie möglich und versuchte ein distinguiertes und freies Wesen anzunehmen. Der Platz vor dem Gasthaus glich dem Zuschauerraum eines Theaters und schien die gleiche Bestimmung zu haben: nämlich ein Ort zu sein, wo man sich trifft und sich zeigt. Oben sassen die Offiziere, blau im Gesicht von Essen und Trinken; neben ihnen einige Vertreter der fremden Mächte, ergraut und mitgenommen von der anstrengenden Arbeit, für betrunkene Landsmänner, die sich am Hafen geschlagen, einzutreten oder Galaschauspielen, Kindtaufen, Hochzeiten und Begräbnissen beizuwohnen. Aber damit war es auch aus mit dem feinen Publikum. Denn mitten auf dem Platze entdeckt Herr Blom den Schornsteinfeger seines Viertels, den Wirt einer kleinen Winkelkneipe, den Provisor einer Apotheke und andere mehr. Um sie herum geht der grüne Jäger mit silbernen Tressen und einem vergoldeten Stab und wirft verächtliche Blicke auf die Gesellschaft, als frage er, was sie hier zu tun haben. Der Lehrer fühlt sich schrecklich geniert von den vielen Blicken, die zu sagen scheinen: seht, dort geht er und sucht nach seinem Mittagessen. Aber er muss weiter. Und er kommt in die Veranden hinauf, wo man Barsche und Spargel isst, wo man Sauternes und Champagner trinkt. Und eins, zwei, drei fühlt er eine freundliche Hand auf seiner Schulter und als er sich umwendet, sieht er das strahlende Gesicht des Kellners Gustav, der ihm die Hand drückt und unverstellt ausruft:

– Nein, sind Sie hier, Herr Blom! Wie gehts?

Und der Kellner Gustav, der so erfreut ist, sich einen Augenblick auf gleicher Höhe mit seinem Herrn zu fühlen, hält einen steifen Holzkloben in seiner warmen Hand und trifft ein paar Blicke, die aus einem Brief Stecknadeln genommen sind. Und diese harte Hand drückte ihm gestern noch so warm einen Zehnkronenschein in die seine, und dieser Mann dankte ihm für ein halbes Jahr Dienst und Aufmerksamkeit, wie man einem Freund dankt. Und der Kellner Gustav geht zurück und setzt sich unter seine Kameraden, verlegen und traurig. Aber Herr Blom geht mit Bitterkeit im Herzen wieder hinaus, durch die Volksmenge hindurch, als höre er höhnend hinter sich flüstern: Er hat kein Mittagessen gekriegt!

Er kommt hinaus auf die Tiergartenebene. Dort steht der Kaspar und kriegt Schläge von seiner Frau. Dort steht ein Seemann und zeigt im „Glücksstern“ Dienstmädchen, Kanonieren, Gardisten und Gesellen den oder die Zukünftige. Alle haben zu Mittag gegessen und sehen froh aus, und er glaubt einen Augenblick, er sei schlechter als sie; dann aber erinnert er sich, dass sie nicht wissen, wie das egyptische Lager befestigt wurde; da fühlt er sich wieder obenauf, und er kann nicht verstehen, wie die Menschen so tief sinken können, dass sie an einem solchen Tand Vergnügen finden!

Er hatte indessen die Lust verloren, andere Lokale zu untersuchen und ging an Tivoli vorbei weiter in den Tiergarten hinein. Dort im grünen Gras tanzte die Jugend zu einer Geige; ein Stückchen davon hatte sich eine Familie unter einer Eiche niedergelassen; der Familienvater stand auf seinen Knien, in Hemdsärmeln, mit blossem Kopf, ein Bierglas in der einen und ein Butterbrot mit Mettwurst in der andern Hand; sein feistes, fröhliches Gesicht, um den Mund gut rasiert, glänzte von Freude und Wohlwollen, als er seine Gäste, die deutlich aus Frau, Schwiegereltern, Schwägern, Ladendienern und Dienstmädchen bestanden, aufforderte, zu essen und zu trinken und fröhlich zu sein, denn heute sei Mittsommer, den ganzen Tag. Und der frohe Mann machte Witze, dass sich die ganze Gesellschaft unter den aufrichtigsten Lachsalven im Grase wand. Und als der Pfannkuchen aufgetischt und mit den Fingern gegessen wurde und die Portweinflasche herumging, hielt der älteste Ladendiener eine Rede, bald so herzlich, dass die Frauen die Taschentücher hervorholten und der Familienvater den einen Zipfel seines Backenbarts in den Mundwinkel steckte; bald so lustig, dass Bravorufe und Gelächter den Redner unterbrachen.

Da wurde der Lehrer finster; aber er ging nicht seiner Wege, sondern setzte sich hinter einer Kiefer auf einen Stein, um sich „die Tiere“ anzusehen.

Als die Rede aus war und man Hausvater und Hausmutter hatte leben lassen, und zwar mit Hurrarufen und Fanfaren auf einer Handharmonika und allen Tellern und Tassen, die frei waren, stand die Gesellschaft auf, um das Bewegungsspiel „den Dritten abschlagen“ zu spielen. Und Schwiegermutter geht hinter einen Haselbusch, um das Kleinste abzuhalten, und Mutter selbst knöpft dem Halbgrossen die Hosen auf.

– Welche Tiere, dachte der Lehrer und wandte sich ab, denn das Natürliche war für ihn unschön, da das Schöne das Unnatürliche war; die Gemälde „anerkannter“ Meister im Nationalmuseum ausgenommen.

Und nun sah er, wie die jungen Männer die Röcke auszogen und die Mädchen ihre Manschetten auf die Hagedornbüsche hingen, und dann stellten sie sich auf und nun liefen sie.

Und die Mädchen hoben die Röcke so hoch, dass die Strumpfbänder zu sehen waren, rote und blaue Topfbänder, die man im Spezereiladen kauft; und wenn der Kavalier seine Dame gefangen hatte, nahm er sie in die Arme und drehte sich so mit ihr im Kreis herum, dass sie bis zu den Kniekehlen zu sehen war; und dann lachten Alte und Junge, dass es im Walde widerhallte.