– Ist das Unschuld oder Korruption? fragte sich der Lehrer.

Aber sicher wusste die Gesellschaft nicht, was das gelehrte Wort Korruption bedeutet, und darum waren sie fröhlich.

Als sie des Bewegungsspiels müde wurden, war der Kaffee fertig. Und der Lehrer konnte nicht verstehen, wo die Kavaliere es gelernt hatten, so artig gegen die Damen zu sein, denn sie krochen auf allen Vieren, um den Mädchen Zuckerdose und Brotkorb zu reichen; dabei sahen die Schnallenbänder an den mit Schweiss getränkten Westen wie Anfasser aus.

– Das sind die Männchen, die sich vor den Weibchen brüsten, dachte der Lehrer. Aber wartet nur!

Dann aber sah er, wie der Vater, die fröhliche Seele, dem Schwiegervater und der Schwiegermutter höflich servierte, ja sogar seiner Frau und allen Ladendienern und Dienstmädchen; und wenn einer sein Anerbieten mit den Worten „Der Herr nehme sich doch selber“ ablehnen wollte, antwortete der, dazu komme er auch noch.

Und dann sah er, wie der Schwiegervater dem kleinen Jungen Weidenpfeifen abzog; wie die Schwiegermutter gleich einer Magd daran ging, alles aufzuwaschen! Da fand der Magister, die Selbstsucht sei ein sonderbares Ding, da sie so menschliche Formen annehmen, so verteilt werden konnte, dass es aussah, als gäben und nähmen alle gleich viel; denn es war Selbstsucht, das war klar!

Und sie spielten Pfänderspiele, und sie lösten jedes einzige Pfand mit Küssen ein, regelrechten Küssen auf den Mund, dass es nur so schmatzte; und wenn der fröhliche Buchhalter „im Brunnen stand“ und die grosse Eiche küssen musste, tat er das auf ganz verrückte Art, umfasste mit den Armen den dicken Stamm, ganz wie man ein Mädchen liebkost, wenn niemand es sieht; da wurde laut gelacht, denn alle wussten wohl, wie man es tut, ob auch niemand es tun will, wenn es gesehen wird.

Der Lehrer, der anfangs das Schauspiel von seinem hohen Standpunkte kritisch betrachtet hatte, wurde schliesslich so in ihre Freude hineingezogen, dass er beinahe glaubte, zur Gesellschaft zu gehören. Er konnte bei den Witzen der Ladendiener sogar den Mund verziehen, und der Familienvater hatte in einer Stunde seine Sympathie gewonnen. Und der war auch ein Spassmacher ersten Ranges. Er konnte „Katze schinden“, „Krebsgang gehen“, auf Baumstämmen „liegen“, Münzen verschlingen, Feuer essen und alle möglichen Vogellaute nachahmen. Und als er ein Safranbrötchen aus dem Mieder eines jungen Mädchens nahm und es dann im rechten Ohr verschwinden liess, da lachte der Lehrer so, dass sein leerer Magen hüpfte.

Dann begann der Tanz. Der Lehrer hatte in Rabes Grammatik die Weisheit gelesen: „Nemo saltat sobrius, nisi forte insanit“ und hatte immer gedacht, Tanz sei ein Ausbruch von Wahnsinn. Er hatte allerdings junge Hunde und Kälber tanzen sehen, wenn sie fröhlich waren, aber er glaubte nicht, dass Cicero seine Maxime bis auf die Tiere hätte ausdehnen können, und zwischen Tier und Mensch hatte der Lehrer einen dicken Strich ziehen gelernt. Als er aber nun diese jungen Menschen, die nüchtern, aber satt und ohne Durst waren, sich nach den schleppenden, aber taktmässigen Klängen der Harmonika herum schwenken sah, war es, als sei seine Seele in eine Schaukel gekommen, die von seinen Augen und Ohren in Schwung gesetzt wurde, und er konnte sich nicht erwehren, dass sein rechter Fuss gegen das Moos leise den Takt trat.

Als drei Stunden vergangen waren, stand er auf. Aber es fiel ihm beinahe schwer, fortzugehen; es war, als breche er von einem fröhlichen Gelage auf, denn er glaubte mit ihnen zusammen gewesen zu sein; aber er war milder geworden und empfand einen Frieden und eine angenehme Müdigkeit, als habe er sich vergnügt.