Der Abend war gekommen. Einige lackierte Wagen schleppten Damen, die in ihren weissen Theatermänteln wie eingehüllte Leichen auf den Rücksitzen lagen, denn es war damals Mode, so auszusehen, als sei man ausgegraben. Der Lehrer, dessen Gedanken eine neue Richtung eingeschlagen hatten, dachte, diese Damen müssten sich langweilen, und er empfand nicht eine Spur von Neid. Aber unterhalb der grossen Landstrasse, draussen auf dem Meer kamen jetzt die Dampfer mit Flaggen und Musik von ihren Vergnügungsfahrten zurück; man hurrate und spielte und sang auf ihnen, dass es noch in den Bergen des Tiergartens zu hören war.
Niemals in seinem Leben hatte sich der Lehrer so allein gefühlt wie in diesem Volksgewimmel; er glaubte, die Menschen blickten ihn mit Teilnahme an, wie er da allein gleich einem Einsiedler ging, und er selber fand, es sei schade um ihn. Er wäre gern auf den ersten Besten zugegangen, nur um zu sprechen und seine Stimme wieder zu hören, denn er fand in seiner Einsamkeit, er habe einen Fremden neben sich. Und jetzt erwachte sein böses Gewissen. Er erinnerte sich an den Kellner Gustav, der seine Freude, ihn wiederzusehen, nicht hatte zügeln können. Jetzt war er soweit gekommen, dass er wünschte, irgend jemand komme ihm entgegen und zeige seine Freude, ihn zu sehen! Aber es kam niemand.
Doch, als er auf der Dampfschaluppe sass, kam ein Hühnerhund, der seinen Herrn verloren, und legte den Kopf auf seine Knie. Der Lehrer mochte Hunde sonst nicht leiden, aber er jagte ihn jetzt nicht fort; es war ein so weiches und warmes Gefühl am Knie, und das verlassene Tier sah ihm in die Augen, als bitte es ihn, seinen Herrn ausfindig zu machen.
Als sie aber ans Land stiegen, lief der Hund seiner Wege.
– Er brauchte mich nicht länger, dachte der Lehrer, und dann ging er nach Hause und legte sich nieder.
Diese unbedeutenden Ereignisse des Mittsommertages hatten dem Lehrer seine Sicherheit genommen. Er sah nämlich ein, dass alle Vorsorge, alle Voraussicht, alle kluge Berechnung dem Menschen nicht genug sei. Er fühlte eine gewisse Unsicherheit um sich herum. Sogar die Kneipe, sein Heim, war so wenig zuverlässig, dass es jeden Augenblick geschlossen werden konnte. Eine gewisse Kühle von Gustavs Seite begann auch störend auf ihn einzuwirken. Der Kellner war ebenso höflich wie früher, aufmerksamer als sonst, aber die Freundschaft war fort, das Vertrauen war gebrochen. Das machte den Lehrer bedenklich, und jedes Mal, wenn er ein trockenes Stück Fleisch oder zu wenig Kartoffel bekam, dachte er immer:
– Haha! Er rächt sich an mir!
Der Sommer war schlimm für den Lehrer: die zweite Geige verreiste und der Buchhändler hielt sich meistens auf der „Moseshöhe“ auf, dem hochgelegenen Gartenrestaurant seines Viertels.
An einem Herbstabend sassen der Buchhändler und die zweite Geige in der Stammkneipe und tranken ihren Grog, als der Lehrer eintrat, unterm Arm ein Paket tragend, das er sorgfältig in einem leeren Flaschenkorb verbarg, in der Kammer, in die man Gerümpel fortstellte. Der Lehrer war mürrisch und ungewöhnlich nervös.
– Nun, alter Junge, begann der Buchhändler wohl zum hundertsten Mal, wirst du dich nicht doch noch verheiraten?