Ersatz

Er war zu seiner Zeit ein Genie auf der Universität gewesen, und es war kein Zweifel, dass etwas Grosses aus ihm werden würde. Als cand. jur. musste er indessen nach Stockholm gehen, um sich eine Stellung zu suchen. Die Doktorarbeit wurde aufgeschoben. Er war recht ehrgeizig, besass aber kein Vermögen. Darum hatte er beschlossen, sich reich und vornehm zu verheiraten. Man sah ihn daher auf der Universität Uppsala und später in der Hauptstadt Stockholm nur in den feinsten Gesellschaften. In Uppsala trank er als älterer Student immer Brüderschaft mit den neu ankommenden Adeligen, die sich von der Bekanntschaft des älteren Landsmannes geehrt fühlten. So schloss er „essbare“ Freundschaften mit ihnen, und während des Sommers wurde er dann immer auf das Schloss der Eltern eingeladen.

Dort war sein Jagdgebiet. Er hatte gesellige Talente, spielte und sang und konnte die Damen unterhalten; darum war er gern gesehen. Seine Kleidung deutete auf grössere Eleganz, als seine Mittel erlaubten; aber er lieh niemals Geld von Adeligen oder Freunden. Er hatte sogar zwei wertlose Aktien gekauft, und er vergass nicht zu erzählen, dass er die Generalversammlung besuchen müsse.

Zwei Sommer hatte er einem adeligen Fräulein, das etwas Grundbesitz besass, den Hof gemacht, und man sprach schon von seinen Aussichten, als er plötzlich aus dem vornehmen Horizont verschwand und sich mit einem armen Mädchen verlobte, deren Vater Böttcher ohne Grundbesitz war.

Seine Freunde konnten nicht verstehen, wie er sich selber so ins Licht treten konnte. Er hatte ja so gut vorgespannt, dass er sofort fahren konnte; er hatte ja den Bissen schon auf der Gabel, dass er nur den Mund zu öffnen brauchte. Ja, er verstand es selbst nicht, wie seine vieljährigen Pläne so schnell von einem kleinen Mädchengesicht gekreuzt werden konnten, das er ein einziges Mal auf einem Dampfer gesehen. Er war behext, er war besessen.

Er fragte seine Freunde, ob sie sie nicht schön fänden.

Nein, das könnten sie nicht finden, wenn sie aufrichtig sein sollten.

– Aber sie ist intelligent. Seht ihr nur in die Augen! Wie sprechend sind die!

Die Freunde konnten nichts sehen und noch weniger hören, denn das Mädchen sprach nie.

Aber er war jeden einzigen Abend im Haus des Böttchers; oh das war ein intelligenter Mann. Er lag auf den Knien, das war eine Erinnerung an die Sommerschlösser, und hielt ihr das Garn; er sang ihr vor, spielte, sprach über Theater und Religion; und er las immer eine bejahende Antwort in ihren tiefen Augen. Er schrieb Verse an sie und legte ihr seinen Lorbeerkranz, seine ehrgeizigen Träume, ja seine Doktorarbeit zu Füssen.