Es ist eine rechte Ehe, sagte die Welt. Sie sind wie geschaffen für einander. Dieselbe gesellschaftliche Stellung, das gleiche Vermögen und dieselben „blasierten“ Ansichten über das Leben. Mit blasiert meinte die Welt, dass sie nicht Bälle, Theater, Bazare und andere edle Vergnügungen liebten, die dem Leben erst seinen Wert verliehen.

Sie waren wie zwei frisch gewaschene Schiefertafeln, ganz gleich jetzt, aber ohne eine Ahnung, ob das Leben denselben Text auf beide schreiben werde. Niemals fragten sie einander während der zärtlichen Stunden der Verlobung: liebst du mich, denn sie wussten ja, dass sie einander nicht liebten, da sie an die Liebe nicht glaubten. Sie sprachen wenig, aber sie verstanden einander so gut.

Und so verheirateten sie sich.

Er war immer aufmerksam, immer höflich, und sie waren gute Freunde.

Das Kind wirkte nur insofern auf ihr Verhältnis ein, dass sie nun über etwas zu sprechen hatten.

Beim Mann zeigte sich jetzt eine gewisse Lust zu Tätigkeit. Er fühlte Verantwortung und, was mehr ist, er war der Untätigkeit müde. Er war Rentier, aber er hatte keine Stellung im Dienst des Staates. Er sah sich jetzt nach einer Beschäftigung um, welche die Leere in seinem Leben ausfüllen konnte. Er hörte den ersten Morgenruf der erwachenden Geister, und er fühlte es als eine Pflicht, an der grossen Forschungsarbeit nach den Ursachen des menschlichen Elends teilzunehmen. Er studierte, verfolgte die Politik und schrieb schliesslich in einer Zeitung ein Gutachten über die Schulfrage. Daraufhin wurde er in die Schulkommission gewählt. Jetzt aber musste er eingehende Studien treiben, denn die Fragen sollten gründlich aufgeklärt werden.

Die Baronin lag auf dem Sofa und las Chateaubriand oder Musset. Sie hatte alle Hoffnung auf Besserung der Menschheit aufgegeben, und dieses Herumstöbern in allem Staub und Moder, den Jahrhunderte auf die menschlichen Einrichtungen gelegt hatten, quälte sie. Doch sah sie, dass sie nicht gleichen Schritt mit dem Mann hielt. Sie waren wie zwei Pferde auf einem Wettrennen. Sie wurden gewogen, ehe sie starteten, und hatten das gleiche Gewicht; sie hatten versprochen, auf der Laufbahn gleichen Schritt zu halten; es war so gut berechnet, dass sie den Lauf zur selben Zeit vollenden und auf ein Mal aus dem Wettstreit heraus gehen sollten. Jetzt aber war der Mann ihr schon eine Pferdelänge voraus. Beeilte sie sich nicht, musste sie zurückbleiben.

So geschah es auch! Im nächsten Jahr wurde er Budgetkontrolleur des Reichstages. Er blieb zwei Monate auf Reisen fort. Jetzt fühlte die Baronin, dass sie ihn liebte; sie fühlte es, weil sie fürchtete, den zu verlieren, der sie so für sich eingenommen hatte.

Als er zurückkam, war sie Feuer und Flamme; er aber hatte den Kopf voll von dem, was er während der Reise gesehen und gehört. Er sah wohl ein, dass der Augenblick der Trennung gekommen sei, aber er wollte sie aufschieben, sie verhindern, wenn es möglich war. Er zeigte ihr in grossen lebenden Bildern, wie diese kolossale Riesenmaschine, die Staat heisst, eingerichtet ist; suchte den Gang der Räder zu erklären, die Mannigfaltigkeit der Übertragungen, die Regulatoren und Sperrhaken, schlechte Pendel und unsichere Ventile.

Eine Weile folgte sie ihm, dann aber ermüdete sie. Ihre Inferiorität, ihre Wertlosigkeit fühlend, warf sie sich auf die Erziehung des Kindes; als Muster einer Mutter wollte sie zeigen, dass sie doch einen Wert besass. Aber der Mann wusste diesen Wert nicht zu schätzen. Er hatte sich mit einem guten Kameraden verheiratet, und nun hatte er eine gute Bonne. Wer konnte das ändern? Wer konnte alles voraussehen?