Das Haus war jetzt voller Abgeordneter, und die Herren sprachen über Politik beim Essen. Die Frau beschränkte sich darauf, nachzusehen, dass tadellos serviert wurde. Der Baron dachte allerdings immer daran, neben die Wirtin junge Leute zu setzen, die über Theater und Musik mit ihr sprachen; aber die Baronin antwortete immer mit Kindererziehung. Beim Nachtisch vergass man nie, auf das Wohl der Wirtin zu trinken, floh dann aber Hals über Kopf ins Zimmer des Mannes, um dort zu rauchen und die Politik fortzusetzen. Die Baronin ging dann in die Kinderstube und fühlte mit Bitterkeit, dass er ihr jetzt so weit voraus war, dass sie ihn nie mehr einholen konnte.

Er arbeitete abends viel zu Hause und schrieb bis tief in die Nacht, schloss sich aber immer ein. Wenn er dann seine Frau verweint sah, fühlte er einen Stich im Herzen, aber sie hatten ja einander nichts zu sagen.

Zuweilen aber, wenn die Arbeit ihn ekelte, wenn er fühlte, wie seine eigene Persönlichkeit immer ärmer wurde, empfand er eine Leere, eine Sehnsucht nach etwas Warmem, Intimem, von dem er ein Mal in seiner Jugend geträumt hatte. Aber jedes Gefühl der Art verbot er sich als Untreue, und er hatte eine tiefe Vorstellung von der Pflicht gegen seine Frau.

Um ihr das Leben etwas erträglicher zu machen, schlug er ihr vor, sie möge eine Kusine, von der sie immer gesprochen und die er nie gesehen, einladen, bei ihnen den Winter zu verbringen.

Das war lange der Wunsch der Baronin gewesen, als er jetzt aber erfüllt werden sollte, wollte sie nicht. Sie wollte es bestimmt nicht. Der Mann verlangte Gründe; sie konnte aber keine angeben. Das reizte seine Neugier, und schliesslich gestand sie, ihr sei bange vor der Kusine: die werde ihr ihren Mann nehmen, er werde sich in sie verlieben.

– Das muss ja ein sonderbares Mädchen sein, das müssen wir sehen.

Die Baronin weinte und warnte, aber der Baron lachte, und die Kusine kam.

Es war eines Mittags. Der Baron kam wie gewöhnlich müde nach Haus, hatte die Kusine wie seine Neugier nach ihr vergessen. Sie setzten sich zu Tisch. Der Baron fragte die Kusine, ob sie Theater liebe. Nein, das tue sie nicht. Sie liebe mehr die Wirklichkeit als deren Scheinbild. Sie habe zu Hause eine Schule für Lumpen eingerichtet und einen Verein für freigelassene Gefangene gegründet. Aha! Der Baron studierte gerade das Gefängniswesen. Die Kusine konnte ihm manche Auskunft geben. Und bis das Essen zu Ende war, wurde über Gefängniswesen gesprochen. Schliesslich hatte die Kusine versprochen, die Frage in einer kleinen Schrift zu behandeln, die der Baron durchsehen und ausarbeiten wollte.

Alles was die Baronin vorausgesehen, traf ein. Der Herr Baron schloss eine geistige Ehe mit der Kusine, und die Frau war verlassen. Aber die Kusine war auch schön, und wenn sie sich am Schreibtisch über den Baron beugte, empfand er ein warmes Behagen daran, ihren weichen Arm an seiner Schulter zu fühlen und ihren heissen Atem auf seiner Wange zu spüren. Und sie sprachen nicht immer vom Gefängniswesen. Sie sprachen auch von Liebe. Sie glaubte an die Liebe der Seelen und sie erklärte so deutlich, wie sie konnte, eine Ehe ohne die Liebe der Seelen sei Prostitution. Der Baron hatte die Entwicklung der neuen Ansichten über die Liebe nicht mitgemacht und fand, es sei eine harte Rede, aber doch wohl nicht ganz unbegründet.

Aber die Kusine hatte auch andere Eigenschaften, die unschätzbar waren für eine richtige geistige Ehe. Sie vertrug Tabak und konnte Zigaretten rauchen. Daher konnte sie nach dem Diner mit den Herren ins Rauchzimmer gehen, um über Politik mitzusprechen. Dann war sie entzückend.