– Dass sie ein Weib sei!

Und er fiel auf die Knie und betete sie an und erklärte, der Teufel möge ihr Gefängniswesen und ihre Schulen für Lumpen holen, er wisse nicht, ob sie die oder die sei, aber er wisse, dass er sie liebe.

Da verachtete sie ihn und reiste Hals über Kopf nach Paris.

Er reiste ihr augenblicklich nach. Von Hamburg schrieb er einen Brief an seine Frau. Erklärte, sie hätten einen Irrtum begangen, und es sei unmoralisch, den nicht zu berichtigen. Bat um Scheidung.

Sie liessen sich scheiden.

Ein Jahr später war der Baron mit der Kusine verheiratet. Sie bekamen ein Kind. Aber das störte ihr Glück nicht, im Gegenteil. Wieviel neue Ideen hier draussen keimten, wieviel starke Winde hier draussen wehten!

Er veranlasste sie, ein Buch über „Junge Verbrecher“ zu schreiben. Das wurde von der Kritik heruntergemacht. Da ward sie wütend, und schwur, nie wieder zu schreiben. Er nahm sich die Freiheit, sie zu fragen, ob sie schreibe, um gelobt zu werden; ob sie ehrgeizig sei. – Sie antwortete mit der Frage, weshalb er denn schreibe! – So entstand ein kleiner Wortwechsel. – Es sei ja nur erfrischend, einmal eine andere Ansicht zu hören als immer die eigene. – Immer die eigene? Was solle das heissen? Habe sie nicht ihre Ansichten? – Sie setzte jetzt ihren Stolz darin, zu zeigen, dass sie eigene Ansichten besitze, und die mussten darum immer von denen des Mannes verschieden sein, damit kein Irrtum vorkam. – Da erklärte er, sie könne Ansichten haben, welche sie wolle, wenn sie ihn nur liebe. – Liebe? Was sei denn das! Er sei ja ein Tier wie alle andern Männer, und er sei falsch gegen sie gewesen. Nicht ihre Seele liebe er, sondern ihren Körper. – Nein, beide, sie ganz und gar! – O, wie falsch er gewesen! – Nein, nicht falsch, sondern der Raub eines Selbstbetrugs sei er gewesen, als er glaubte, nur ihre Seele zu lieben.

Sie hatten sich müde gegangen auf dem Boulevard und mussten sich vor einem Café niedersetzen. Sie steckte sich eine Zigarette an. Da trat der Kellner heran und sagte recht unhöflich, man dürfe hier nicht rauchen. Der Baron verlangte eine Erklärung. Der Kellner antwortete, es sei ein besseres Café, das seine Gäste nicht verscheuchen wolle, indem es „solche Damen“ hereinlasse.

Sie standen auf, bezahlten und gingen. Der Baron war zornig, der jungen Baronin kamen die Tränen. – Da habe man die Macht des Vorurteils! Rauchen sei für den Mann eine Dummheit, denn es sei dumm zu rauchen, aber für die Frau sei es ein Verbrechen! Wer es könnte, möge dieses Vorurteil aufheben! Und wer es wolle! Der Baron wollte nicht, dass seine Frau das erste Opfer werde, mit der dürftigen Ehre, mit dem Vorurteil gebrochen zu haben. Denn etwas anderes sei es ja nicht. In Russland rauchten ja die Damen der Gesellschaft zwischen den Gerichten der grossen Diners. Die Sitten änderten sich mit den Breitengraden. Und doch seien diese Kleinigkeiten nicht bedeutungslos im Leben, denn das Leben bestehe aus Kleinigkeiten. Hätten Männer und Frauen dieselben schlechten Gewohnheiten, könnten sie leichter mit einander verkehren, einander kennen lernen und eher gleichen Schritt mit einander halten als jetzt! Hätten sie dieselbe Erziehung, so würden sie dieselben Interessen haben und während des ganzen Lebens nicht aus einander kommen.

Der Baron hielt inne, als habe er etwas Dummes gesagt. Aber sie hörte nicht zu, denn ihre Gedanken waren nicht bei der Beschimpfung stehen geblieben.