– Sie sei von einem Kellner beschimpft, aus der besseren Gesellschaft gewiesen worden. Dahinter liege etwas! Bestimmt! Man habe sie erkannt! Sicher, denn sie habe es schon früher bemerkt!

– Was habe sie bemerkt?

– Dass man sie in Restaurants mit Geringschätzung behandle. Die Menschen hielten sie nicht für Eheleute, weil sie Arm in Arm gingen und höflich gegen einander seien. Lange habe sie das mit sich herumgetragen, nun aber vermöchte sie es nicht mehr. Aber das sei nichts gegen das, was sie von Hause hören müsse!

– Was habe sie denn von Hause gehört, das sie ihm nicht mitgeteilt?

– Oh, was für Dinge! Was für Briefe! Und die anonymen erst!

– Nun, und er? Man behandle ihn wie einen Verbrecher! Und er habe doch kein Verbrechen begangen! Er habe alle gesetzlichen Forderungen beobachtet und nicht die Ehe gebrochen. Er habe das Land verlassen, wie das Gesetz vorschreibt; das königliche Konsistorium habe sein Scheidungsgesuch bewilligt; die Geistlichkeit, die heilige Kirche habe ihn auf gestempeltem Papier von seinem ersten Eheversprechen entbunden; er habe es also nicht gebrochen! Man könne ja ein ganzes Volk von dem Treueid lösen, den es seinem Monarchen gegeben, wenn ein Land erobert wird: warum anerkenne die Gesellschaft denn nicht die Entbindung von einem Versprechen? Habe die Gesellschaft nicht selber dem Konsistorium das Recht gegeben, die Ehe aufzulösen? Wie könne sich denn die Gesellschaft als Richter über ihr eigenes Gesetz stellen? Die Gesellschaft liege also im Streit mit sich selber! Er werde wie ein Verbrecher behandelt! Habe nicht der Sekretär der Gesandtschaft, sein alter Freund, als er ihm seine Karte und die seiner Frau gesandt, ihm bloss eine Karte zurückgeschickt! Werde er nicht bei allen öffentlichen Austeilungen von Karten übergangen!

– Oh, sie habe noch Schlimmeres ertragen müssen. Eine von ihren Freundinnen in Paris habe ihr die Tür geschlossen, und mehrere hätten sich auf der Strasse abgewandt, als sie ihnen begegnet sei.

Nur der weiss, wo der Schuh drückt, der ihn anhat! Sie hatten jetzt die Schuhe an, richtige spanische Stiefel, und sie fühlten sich in Fehde mit der Gesellschaft. Die Vornehmen hatten sie desavouiert! Die Vornehmen! Diese Gemeinde von Halbkretins, die insgeheim wie Hunde leben, einander aber ehren, solange es nicht zum Skandal kommt; das heisst so lange man so ehrlich ist, den Vertrag zu kündigen, die Verfallzeit abzuwarten und die vom Gesetz gewährte Freiheit wiederzugewinnen. Und diese vornehme Gesellschaft sass da in ihrer Lasterhaftigkeit und teilte soziales Ansehen aus, nach einer Skala, auf der die Ehrlichkeit tief unter Null steht. Die Gesellschaft war also ein Gewebe von Lüge! Dass man das nicht längst gesehen! Jetzt aber musste man das schöne Gebäude untersuchen, um nachzusehen, wie es mit dessen Fundament bestellt sei.

Sie waren lange nicht so einig gewesen, wie jetzt, als sie nach Haus kamen. Die Baronin blieb nun zu Hause bei ihrem Kind, und sie erwartete bald ihr zweites. Dieser Kampf war für sie zu schwer, und sie war schon müde geworden! Sie hatte alles satt! In einem elegant möblierten und warmen Zimmer über freigelassene Gefangene schreiben und ihnen aus gehöriger Entfernung eine gut behandschuhte Hand reichen, das billigte die Gesellschaft; aber einer Frau, die sich mit einem freigelassenen Ehemann verheiratet, die Hand reichen, das wollte die Gesellschaft nicht. Warum nicht? Die Antwort lag nicht nahe.

Der Baron stand mitten im Leben. Besuchte die Kammern, war auf Versammlungen und überall hörte er wilde Ausbrüche gegen die Gesellschaft. Er las Zeitungen und Zeitschriften, verfolgte die Literatur, machte Studien. Seiner Frau drohte dasselbe Schicksal wie der ersten: zurückzubleiben! Seltsam aber war es! Sie konnte nicht allen Einzelheiten seiner Untersuchungen folgen, sie missbilligte vieles in den neuen Lehren, aber sie fühlte, dass er recht habe und für eine gute Sache wirke. Er wusste immer, dass er zu Hause eine Zustimmung fand, die nicht müde wurde; eine Freundin, die ihm wohl wollte. Ihr gemeinsames Schicksal trieb sie zusammen wie erschrockene Tauben, wenn das Gewitter heraufzieht. Das Weibliche bei ihr, das jetzt so wenig geachtet wird, und das doch nur eine Erinnerung an die Mutter ist, an die Naturkraft, die das Weib mitbekommen hat, brach nun hervor. Es fiel wie die Wärme eines abendlichen Feuers über die Kinder, wie Sonnenschein über den Mann, wie Friede über die Häuslichkeit. Er wunderte sich oft, dass er diesen Kameraden nicht vermisste, mit dem er früher über alles hatte sprechen können; er entdeckte, dass seine Gedanken an Stärke gewannen, seit er sie nicht mehr sofort ausplauderte; und er glaubte mehr an dem stillen Beifall, dem freundlichen Nicken, der teilnehmenden Hilfe gewonnen zu haben. Er fühlte sich stärker als früher, seine Ansichten wurden weniger kontrolliert; er war jetzt einsam, aber nicht so einsam wie früher, denn damals stiess er oft auf Widersprüche, die nur Zweifel erregten.