Es war Weihnachtsabend in Paris. In ihrem kleinen Châlet am Cours la Reine war die Aufräumung beendet und ein grosser Tannenbaum war aus dem Wald von Saint-Germain geholt. Der Baron und die Baronin wollten nach dem Frühstück zusammen ausgehen, um Weihnachtsgeschenke für die Kinder einzukaufen. Der Baron war etwas gedankenvoll, denn er hatte eben eine kleine Schrift „Ist die Oberklasse die Gesellschaft“ erscheinen lassen. Sie sassen am Kaffeetisch in dem schönen Speisesaal, und die Türen bis zur Kinderstube standen offen. Sie hörten, wie die Amme mit den Kleinen spielte, und die Baronin lächelte vor Glück und Zufriedenheit. Sie war so mild geworden, und ihre Freude war ruhig. Da schrie eins von den Kindern, und sie stand vom Tisch auf, um nachzusehen, warum es schreie. Im selben Augenblick kam der Diener in den Speisesaal und brachte die Post. Der Baron öffnete zwei Drucksachen. Die erste war eine „grosse, angesehene“ Zeitung. Er schlug sie auf und sah sofort eine Überschrift in fetten Buchstaben: „Ein Frevler!“ Und dann las er einige Zeilen: „Die Weihnacht ist gekommen! Dieses Fest, das allen reinen Herzen lieb ist. Dieses Fest, das von allen christlichen Völkern heilig gehalten wird, an dem Friede und Versöhnung über die ganze Menschheit herrschen, an dem sogar der Mörder sein Messer in die Tasche steckt und der Dieb das heilige Besitzrecht achtet; dieses Fest, das besonders in den nordischen Ländern sowohl die historischen Voraussetzungen besitzt wie von uraltem Herkommen ist usw. Und da kommt, wie der Gestank aus einer Kloake, ein Individuum, das sich nicht gescheut hat, die heiligsten Bande zu brechen, und speit seine Bosheit gegen die geachteten Mitglieder der Gesellschaft aus; eine Bosheit, die von der kleinlichsten Rache diktiert wird ...“ Er legte die Zeitung zusammen und steckte sie in die Tasche seines Schlafrocks. Dann riss er die zweite Drucksache auf. Das war eine Karikatur über ihn und seine Frau. Er liess die Zeitung den gleichen Weg gehen wie die erste, musste sich aber beeilen, denn seine Frau trat ein. Er beendete das Frühstück und eilte in sein Zimmer, um sich zum Ausgehen anzukleiden. Dann gingen sie.
Die Sonne schien auf die bereiften Platanen der Champs Elysées, und der Concordiaplatz öffnete sich wie eine grosse Oase von Sonnenlicht mitten in der Steinwüste. Er hatte ihren Arm unter seinem, es war ihm aber, als stütze sie ihn. Sie sprach davon, was sie den Kindern kaufen sollten, und er antwortete, so gut er konnte. Schliesslich unterbrach er auf ein Mal das Gespräch und fragte, ohne eine Veranlassung dazu zu haben:
– Weisst du, was für ein Unterschied zwischen Strafe und Rache ist?
– Nein, darüber habe ich nicht nachgedacht.
– Ich möchte wissen, ob es nicht dieser ist: wenn sich ein anonymer Zeitungsschreiber rächt, dann ist es Strafe; wenn aber ein namhafter Nichtzeitungsschreiber straft, dann ist es Rache! Tragen wir uns ein unter die neuen Propheten!
Sie bat ihn, doch das Weihnachtsfest nicht zu stören, indem er von Zeitungen spreche.
– Dieses Fest, wiederholte er für sich, an dem Friede und Versöhnung ...
Sie gingen durch die Arkaden der Rivolistrasse, bogen in die Boulevards ab und kauften ein. Im Grand-Hôtel essen sie. Sie war in sonniger Laune und suchte ihn zu erheitern. Er aber blieb gedankenvoll. Schliesslich warf er die Frage auf:
– Wie kann man ein böses Gewissen haben, wenn man recht gehandelt hat?
Das wusste sie nicht.