Da aber kam die Nachricht vom Waisenhaus, Annas Junge sei an Diphtheritis gestorben. Anna bekam Milchversetzung und der kleine Baron schrie ganz schrecklich.

Anna musste verabschiedet und zu Anders geschickt werden, und man musste eine neue Amme annehmen. Anders freute sich, endlich richtig verheiratet zu sein, aber Anna hatte feine Gewohnheiten angenommen. Sie konnte nicht mehr brasilianischen Kaffee trinken, sondern musste Java haben. Und ihre Gesundheit verbot ihr, sechs Mal in der Woche Fisch zu essen. Sie konnte die Erde nicht graben, und darum wurde das Brot knapp.

Nach einem Jahr hätte Anders den Hof aufgeben müssen; doch der Baron war ihm gewogen, und er durfte als Kätner bleiben.

Anna tagewerkte auf dem Herrnhof und sah oft den kleinen Baron; er aber erkannte sie nicht wieder, und das war gut. Aber er hatte doch an ihrer Brust gelegen. Und sie hatte sein Leben gerettet und dafür das ihres eigenen Kindes gegeben. Doch sie war fruchtbar und bekam mehrere Söhne, die Kätner, Bahnarbeiter wurden; einer wurde Zuchthäusler.

Aber der alte Baron sah mit Unruhe den Tag kommen, an dem der junge Baron sich verheiraten und einen Erben zeugen würde. Stark sah er nicht aus! Er wäre sehr viel ruhiger gewesen, wenn der andere kleine Baron, der im Waisenhaus starb, auf dem Herrnhof gesessen hätte. Und als er den „Lebenssklaven“ noch ein Mal las, musste er eingestehen, dass die Oberklasse von der Gnade der Unterklasse lebt; und als er Darwin noch ein Mal las, konnte er nicht leugnen, dass die Auslese, so wie sie jetzt war, alles andere als natürlich sei. Aber das war nun einmal so, und das konnte man nicht ändern, der Doktor und die Sozialisten mochten sagen, was sie wollten.

Reformversuch

Sie hatte mit Ekel gesehen, wie die Mädchen zu Haushälterinnen für ihre künftigen Männer erzogen wurden. Darum hatte sie eine Fertigkeit gelernt, die sie unter allen Verhältnissen des Lebens ernähren konnte. Sie machte Blumen.

Er hatte mit Schmerz gesehen, wie die Mädchen darauf warteten, von ihren künftigen Männern versorgt zu werden; er wollte sich mit einer freien, selbstständigen Frau verheiraten, die sich selber ernähren konnte; dann würde er in ihr eine Seinesgleichen sehen und eine Kameradin fürs Leben haben, keine Haushälterin.

Und das Schicksal wollte, dass sie sich trafen. Er war Maler, und sie machte, wie gesagt, Blumen, und in Paris hatten sie diese neuen Ideen bekommen.

Es war eine stilvolle Ehe. Sie hatten sich in Passy drei Zimmer gemietet. Das Atelier lag in der Mitte, sein Zimmer auf der einen Seite, ihr Zimmer auf der andern. Ein gemeinsames Bett wollten sie nicht haben; das sei eine Schweinerei, die durchaus kein Gegenstück in der Natur besitze und nur Übertreibung und Ausschweifung veranlasse. Und sich im selben Zimmer entkleiden! Nein, jeder sein eigenes Zimmer; und dann einen gemeinsamen neutralen Raum, das Atelier. Keine Dienstboten; denn die Küche wollten sie gemeinsam besorgen. Nur eine alte Frau, die morgens und abends kam.