Wind schwach SSO. z. O., + 10° C., 6 Glas Freiwache. Ich kann nicht schreiben, was ich auf dieser Fahrt, auf der ich Dich nicht sehen werde, empfinde. Als wir den Warpanker ausfuhren (6 Uhr 30 nachmittags bei starkem NO. z. N.), war es mir, als hätte man mir einen Pall in den Brustkasten gesetzt, und ich hatte wirklich ein Gefühl, als habe man mir die Kette durch beide Ohrklüsen gesteckt. Man sagt, Seeleute haben ein Vorgefühl von Unglück. Davon weiss ich nichts, aber bis ich Deine ersten Zeilen erhalte, bin ich recht unruhig! An Bord ist nichts passiert, aus dem einfachen Grunde, weil nichts passieren darf. Wie geht es Euch? Hat Bob seine neuen Stiefel bekommen? Passen sie? Ich bin ein schlechter Briefschreiber, wie Du weisst, und höre jetzt auf! Mit einem grossen Kuss mitten auf dieses Kreuz ×!

Dein alter Pall.

NS. Du musst Dir etwas Gesellschaft suchen (weibliche natürlich!). Und vergiss nicht, die Mamsell auf Dalarö zu bitten, dass sie die grosse Barkasse verhäutet, bis ich zurückkomme! (Der Wind wird stärker; wir werden ihn nachts von Norden haben!)

Vor Portsmouth erhielt der Kapitän von seiner Frau diesen Brief:

Lieber alter Pall!

Hier ist es schaurig ohne Dich, das kannst Du mir glauben! Und schwer ist es gewesen, denn Alice hat jetzt ihren Zahn bekommen. Der Doktor sagte, es sei ungewöhnlich früh, und es soll bedeuten (ja, das darfst Du nicht wissen!). Bobs Stiefel passen ausgezeichnet, und er ist sehr stolz auf sie.

Du erwähnst in deinem Brief, ich müsse eine weibliche Bekanntschaft suchen. Das habe ich schon getan, oder richtiger, sie hat mich gesucht. Sie heisst Ottilie Sandegren und hat das Seminar durchgemacht. Sie ist sehr ernst: Du brauchst also nicht zu fürchten, Pall, dass man Deine Toppnant auf Abwege führt. Und dann ist sie religiös. Ja, ja, wir könnten wirklich etwas strenger in unserer Religion sein, und zwar jeder. Sie ist eine ausgezeichnete Person. Und nun schliesse ich für dieses Mal, denn Ottilie kommt und holt mich. Sie ist eben jetzt gekommen und lässt Dich grüssen!

Deine Gurli.

Der Kapitän war mit diesem Brief nicht zufrieden. Der war zu kurz und war nicht so munter wie gewöhnlich. – Seminar, religiös, ernst, und Ottilie: zwei Male Ottilie! Und dann Gurli! Warum nicht Gulla wie früher! Hm!

Acht Tage später erhielt er vor Bordeaux einen neuen Brief, der von einem Buch in Kreuzband begleitet war. „Lieber Wilhelm!“ – Hm, Wilhelm! Nicht Pall mehr! – „Das Leben ist ein Kampf“ – Was zum Teufel war das? Was haben wir beide mit dem Leben zu tun! – „von Anfang bis zum Ende“. „Ruhig wie ein Bach in Kidron“ – Kidron, das ist ja die Bibel! – „ist unser Leben verflossen. Wir sind wie Schlafwandler über Abgründe gegangen, ohne sie zu sehen!“ – Seminar, Seminar! – „Dann aber kommt das Ethische“ – Ethische? Ablativus! Hm, hm! – „und macht sich in seinen höheren Potenzen geltend!“ – Potenzen?! – „Wenn ich jetzt aus unserem langen Schlaf erwache und mich selber frage: ist unsere Ehe eine rechte Ehe gewesen? so muss ich mit Reue und Scham bekennen, sie ist es nicht gewesen! Die Liebe ist himmlischen Ursprungs (Matth. XI, 22 ff.).“ – Der Kapitän musste aufstehen und sich ein Glas Wasser mit Rum nehmen, ehe er fortfuhr. – „Wie irdisch, wie konkret ist sie gewesen! Haben unsere Seelen in dieser Harmonie gelebt, von der Plato (Phaidon, Buch VI, Kap. II, § 9) spricht? Nein, müssen wir antworten! Was bin ich für Dich gewesen? Deine Haushälterin und, wie ich mich schäme, Deine Geliebte! Haben unsere Seelen einander verstanden? Nein, müssen wir antworten!“ – Zum Teufel mit allen Ottilien und Seminaren! Ist sie meine Haushälterin gewesen? Sie ist meine Frau gewesen und die Mutter meiner Kinder! – „Lies dieses Buch, das ich Dir sende! Es wird Dir auf alle Fragen Antwort geben. Es hat ausgesprochen, was Jahrhunderte lang im Herzen des ganzen Frauengeschlechtes verborgen lag! Lies es und sag mir dann, ob unsere Ehe eine rechte Ehe gewesen ist. Deine Gurli.“