Die erste Nacht vergeht in einem ruhigen Zimmer, dessen weissgekalkte Wände voll Heiligenbilder hängen. Über meinem Bett ist ein Kruzifix.
Aber in der zweiten Nacht beginnen die Geister ihr Spiel wieder. Ich zünde die Kerzen an, um die Zeit mit Lesen hinzubringen. Ein unheilvolles Schweigen herrscht, und ich höre mein Herz klopfen. Da trifft mich ein schwaches Geräusch wie ein elektrischer Funke.
Was ist das?
Ein grosses Stück Stearin ist von der Kerze auf die Erde gefallen. Weiter nichts; aber das verkündet bei uns den Tod! Meinetwegen denn der Tod!
Nachdem ich eine Viertelstunde gelesen habe, will ich nach meinem Taschentuch greifen, das ich unter das Kopfkissen gesteckt habe. Es ist nicht da, und, als ich es suche, finde ich es auf dem Fussboden. Ich bücke mich, um es aufzuheben. Dabei fällt mir etwas auf den Kopf, und als ich mit den Fingern durch die Haare fahre, finde ich ein zweites Stück Stearin.
Statt zu erschrecken, kann ich ein Lächeln nicht unterdrücken, so spasshaft kommt mir das Abenteuer vor.
Lächeln beim Tode! Wie wäre das möglich, wenn das Leben nicht an und für sich lächerlich wäre? So viel Lärm um so wenig! Vielleicht verbirgt sich sogar auf dem Grunde der Seele ein unbestimmter Argwohn, dass alles hier unten nur Verstellung, Heuchelei, Trugbild ist, und dass sich die Götter über unsere Leiden lustig machen.
Hoch über den Gipfel des Berges, auf dem das Schloss gebaut ist, erhebt sich ein zweiter Berg, der alle andern beherrscht: von dem kann man die ganze Höllenlandschaft übersehen. Man gelangt dahin durch einen Hain von vielleicht tausendjährigen Eichen, der einst ein Druidenhain gewesen sein soll, weil die Mistel in der Gegend viel auf Linden und Apfelbäumen vorkommt. Oberhalb dieses Waldes steigt der Weg steil durch niedrige Fichten empor.
Mehrere Male habe ich bis zum Gipfel zu kommen versucht, immer aber trieben mich unvorhergesehene Dinge zurück. Bald war es ein Rehbock, der die Stille durch einen unerwarteten Sprung unterbrach; bald ein Hase, der ungewöhnlich aussah; bald ein Häher mit seinem entnervenden Geschrei.
Am letzten Morgen, dem Tag vor meiner Abreise, trotzte ich allen Hindernissen, drang durch den dunklen, grausigen Fichtenwald und kletterte bis zum Gipfel hinauf. Von dort hatte ich eine prachtvolle Aussicht über das Donautal und die steirischen Alpen. Ich habe die düsteren Trichter dort unten verlassen und ich atme zum erstenmal auf. Die Sonne erleuchtet die Gegend unter unendlichen Aussichten, und die weissen Kämme der Alpen vereinigen sich mit den Wolken. Es ist schön wie der Himmel!