Ein richtiges Wunderkind, geboren mit frühreifer Einsicht in alle Zweige des menschlichen Wissens, wohl erzogen von einem gelehrten und sittlich hoch stehenden Vater, wurde der junge Mann vor zwei Jahren von einer ganz geheimnisvollen Krankheit ergriffen, deren Einzelheiten er mir zu dem Zweck offenbarte, meine Meinung zu erfahren oder vielmehr die Bestätigung seines eigenen Argwohns zu hören.
Genug, der junge Mann, der ein reines Jünglingsleben gelebt und die strengsten Grundsätze eingesogen hat, tritt unter günstigen Verhältnissen hinaus ins Leben, von seinen Altersgenossen beschützt und beliebt wohin er kommt. Aber eines Tages begeht er eine Handlung, die ihm sein Gewissen bestimmt verbietet. Nichts ist seitdem imstande ihn zu beruhigen. Nach langer Zeit geistiger Tortur unterliegt auch sein Körper. Gleichzeitig erreicht seine Seelenkrise eine erschreckende Höhe. Jeden Tag konstatiert er einen neuen Fortschritt eines eingebildeten Übels, und schliesslich macht er die Qual der Agonie durch. Darauf glaubt er tot zu sein; er hört in allen Wohnungen des Hauses Särge zunageln. Wenn er die Zeitung liest—sein Verstand ist nämlich dauernd klar—erwartet er die Anzeige seines eigenen Begräbnisses zu sehen. Gleichzeitig erleidet sein Körper eine Scheinauflösung mit Leichengeruch, der seine Umgebung von seinem Bett schreckt und ihn selbst zum Schaudern bringt. Eine Veränderung in der Persönlichkeit selbst scheint vor sich gegangen zu sein, da der junge Mann, der auf seine Weise religiös gesinnt war, nun von Zweifeln angefochten wird.
Eine Wahrnehmung, die er im Gedächtnis behielt, war, dass seine Umgebung stets wachsbleiche oder blaue Gesichter hatte. Und wenn er aufgestanden war, um die Leute auf der Strasse zu betrachten, schienen ihm alle Passanten blau im Gesicht zu sein. Was ihm ferner Entsetzen einflösste, war, dass sich unten auf der Strasse eine unendliche Reihe von Bettlern, zerlumpten Kerlen, gebrechlichen beinlosen Krüppeln auf Krücken an seinem Fenster vorbei schleppten, als seien sie zusammengerufen worden, um Revue zu passieren. Während der ganzen Zeit behielt der Kranke den Eindruck, dass die Wirklichkeit von dem, was er sah, über jeden Zweifel erhaben war; daneben aber wurde er gezwungen, eine symbolische Bedeutung hineinzulegen. Jedes Buch, das er öffnete, enthielt direkte Mahnungen an ihn.
Nachdem er seine Erzählung beendet hatte, frage er, was ich von der Sache denke.
—Etwas Halbwirkliches, eine Reihe Visionen, von jemand heraufbeschworen, zu bewusstem Zweck. Eine lebende Scharade, aus der die Nutzanwendung zu ziehen Ihnen zukommt. Nun, wie wurden Sie geheilt?
—Es ist recht lächerlich, aber ich will es Ihnen gestehen. Früher hatte ich immer in Opposition zu meinen Eltern gestanden, die mich mit unermüdlicher Fürsorge für Leib und Seele umgaben; jetzt aber beuge ich schliesslich den Nacken unter das Joch, das mir lieblich und wohltuend geworden, da es von ungeheuchelter Liebe abgemessen war. So wurde ich geheilt.
—Und haben Sie nie einen Rückfall gehabt?
—Doch! Ein einziges Mal! Aber von der gelindesten Art. Eine Zeitlang unbedeutende Nervosität und Schlaflosigkeit, die vor den einfachsten medizinischen Verhaltensmassregeln wich. Aber dieses Mal hatte ich mir auch nichts vorzuwerfen.
—Und was hat Ihnen der Arzt verordnet?
-Ordentlich zu leben, nachts zu schlafen und Ausschweifungen zu vermeiden.