Wir beginnen ein Weib zu lieben, indem wir bei ihr Stück für Stück unserer Seele niederlegen. Wir verdoppeln unsere Persönlichkeit, und die Geliebte, die bisher gleichgültig, neutral war, beginnt sich in unser anderes Ich zu kleiden, und sie wird unser Doppelgänger. Wenn es ihr einfällt, mit unserer Seele fortzugehen, ist der Schmerz darüber vielleicht der heftigste, den es gibt, nur vergleichbar mit dem der Mutter, die ihr Kind verloren hat. Ein leerer Raum entsteht, und wehe dem Mann, der nicht über die Kraft verfügt, seine Zweiteilung wieder zu beginnen und ein anderes Gefäss zum Füllen zu finden.
Die Liebe ist ein Akt, durch den der Mann sich selbst befruchtet, weil es der Mann ist, der liebt; es ist eine süsse Illusion, das er von seiner Frau geliebt wird, seinem zweiten Ich, seiner eigenen Schöpfung.
Zwischen liebenden Gatten offenbart sich oft das unsichtbare Band auf eine mediumartige Weise: man kann einander aus der Ferne rufen, die Gedanken des andern lesen, Suggestion auf einander ausüben. Man fühlt nicht mehr das Bedürfnis, mit einander zu sprechen; man freut sich über die blosse Gegenwart des geliebten Wesens; man wärmt sich an der Strahlung, die von der Seele des andern ausgeht. Wenn man getrennt ist, dehnt sich das Band: das Vermissen, die Sehnsucht wächst mit der Entfernung, kann das Band zerreissen und damit den Tod bringen.
Seit mehreren Jahren habe ich Aufzeichnungen über alle meine Träume gemacht, und ich bin zu der Überzeugung gekommen: dass der Mensch ein doppeltes Leben lebt, dass die Einbildungen, die Phantasien, die Träume eine Wirklichkeit besitzen. Wir sind alle geistige Schlafwandler und begehen im Traume Handlungen, die uns im wachen Zustande je nach ihrer Natur mit dem Gefühl der Befriedigung, dem bösen Gewissen, der Furcht vor den Folgen erfüllen. Und aus Gründen, die ich ein ander Mal darlegen will, glaube ich dass die sogenannte Verfolgungsmanie oft einen guten Grund hat, nämlich in der Gewissensqual nach schlechten Handlungen, die man im "Schlaf" begangen hat und von denen neblige Erinnerungen bei uns spuken.
Die Phantasien des Dichters, die beschränkte Seelen so verachten, sind Wirklichkeiten.
Und der Tod? fragt ihr.
Dem Mutigen, der nicht zu grossen Wert auf das Leben legt, hätte ich früher folgendes Experiment empfohlen, das ich mehrere Male wiederholt habe, nicht ohne unangenehme, aber jedenfalls ohne schwer heilbare Folgen.
Nachdem Türen, Fenster und Ofenklappen geschlossen sind, stelle ich eine geöffnete Flasche mit Cyankalium auf den Nachttisch und lege mich aufs Bett.
Die Kohlensäure der Luft macht in kurzem die Blausäure frei, und die bekannten physiologischen Erscheinungen geben sich zu erkennen. Ein gelindes Zusammenschnüren der Kehle, ein unbeschreiblicher Geschmack, den ich aus Analogie "blau" nennen möchte, Lähmung der Armmuskeln, Schmerzen im Magen.
Die tödliche Wirkung der Blausäure ist noch immer ein Geheimnis. Verschiedene Autoritäten geben verschiedene Wirkungsarten dieses Giftes an. Einer sagt: Gehirnlähmung; ein anderer: Herzlähmung; ein dritter: Erstickung als sekundäre Wirkung davon, dass das verlängerte Mark angegriffen wird, usw.