Mit einem Wort, das ist mein Circulus vitiosus, den ich zweimal am Tage durchlaufe. Mein Leben ist in den Rahmen dieser Umlaufbahn so vollständig eingefasst, dass, nehme ich mir einmal die Freiheit, einen andern Weg einzuschlagen, ich in die Irre gerate, als habe ich Stücke meines Ichs, meine Erinnerungen, meine Gedanken, sogar meine Ergebenheitsgefühle verloren.
Eines Sonntagnachmittags im November begab ich mich nach dem Restaurant, um zu essen, allein. Zwei kleine Tische sind auf das Trottoir am Boulevard St. Germain gestellt, zu ihren Seiten stehen zwei grüne Töpfe mit Oleandern und zwei Bastmatten, die Schutzwände bilden, beschatten sie. Die Luft ist weich und still, die angezündeten Laternen beleuchten das lebensvollste kinematographische Bild, da Omnibusse, Kaleschen, Droschken von den Waldparks festlich gekleidete lustige Menschen heimfahren, die singen, Horn blasen und die Fussgänger anrufen.
Als ich mit der Suppe beginne, kommen meine beiden Freunde, zwei Katzen, und nehmen ihre gewöhnlichen Plätze zu beiden Seiten von mir ein, auf das Fleischgericht wartend. Da ich meine eigne Stimme mehrere Wochen lang nicht gehört habe, halte ich eine kleine Rede an sie, ohne Antwort zu bekommen. Zu dieser stummen und hungrigen Gesellschaft verurteilt, wie ich schlechter Gesellschaft ausgewichen bin, in der mein Ohr von gottloser und plumper Rede verletzt wurde, fühle ich eine Empörung in mir gegen eine solche Ungerechtigkeit. Ich verabscheue nämlich Tiere, Katzen wie Hunde, wie es mein Recht ist, das Tier in meinem Innern zu hassen.
Wie kommt es, dass die Vorsehung, die sich Umstände mit meiner Erziehung macht, mich immer an schlechte Gesellschaft verweist, während eine gute eher geeignet sein würde, mich durch die Macht des Vorbildes zu bessern?
Im selben Augenblick kommt ein schwarzer Pudel mit rotem Halsband und jagt meine Freunde vom Katzengeschlecht fort; nachdem er ihre Bissen verschlungen hat, zeigt er seine Erkenntlichkeit, indem er meinen Stuhlfuss nässt; dann nimmt der undankbare Cyniker eine sitzende Stellung auf dem Asphalt ein und dreht mir den Rücken. Aus der Asche ins Feuer! Sich zu beklagen, lohnt nicht, denn es könnte ja geschehen, dass statt dessen Schweine kämen und mir Gesellschaft leisteten, wie sie mit Robert dem Teufel oder Franz von Assisi taten. Man darf so wenig vom Leben verlangen. So wenig! Und doch ist es zu viel für mich.
Eine Blumenverkäuferin bietet mir Nelken an. Warum gerade Nelken, die ich verachte, weil sie rohem Fleisch gleichen und nach der Apotheke riechen! Schliesslich nehme ich, um ihr zu Willen zu sein, ein Büschel, das nach Belieben zu bezahlen ist; da ich die Entschädigung reichlich zumesse, belohnt die Alte mich mit einem: Gott segne den Herrn, der mir so hübsches Handgeld heute abend gegeben hat! Obwohl ich den Kniff kenne, klingt der Segen lange und angenehm nach, denn ich habe ein grosses Bedürfnis danach nach so vielen Flüchen.
Um halb acht machten die Zeitungsverkäufer mit Notrufen La Presse bekannt, und das ist für mich ein Signal aufzubrechen. Wenn ich sitzen bleibe, um noch ein Dessert zu schmausen und ein extra Glas Wein zu trinken, bin ich gewiss, auf die eine oder andere Weise gepeinigt zu werden, sei es von einem Trupp Kokotten, die sich mir gegenüber niederlassen, oder von herumstreichenden Strassenjungen, die mich beschimpfen. Ganz gewiss bin ich auf Diät gesetzt, und wenn ich drei Gerichte und eine halbe Flasche Wein überschreite, findet sich die Strafe ein. Nachdem die ersten Versuche, bei den Mahlzeiten unmässig zu sein, auf diese Weise abgeschnitten sind, wage ich keine Ausschweifung mehr und befinde mich zuletzt wohl dabei, auf halben Sold gesetzt zu sein.
Ich stehe also vom Tisch auf, um mich nach der Rue Bonaparte zu begeben und von dort hinauf nach dem Luxemburg-Garten.
An der Ecke der Rue Gozlin kaufe ich Zigaretten; gehe am Restaurant "Goldfasan" vorbei. An der Ecke der Rue du Four halte ich mich bei einem Christusbild von schlagendem Naturalismus auf. Die Kunst der geistlich Gesinnten hat sich während ihrer Feldzüge gegen die Zola-Literatur der Geister des Realismus nicht erwehren können, und mit Hilfe dieses Beelzebub soll der andere aus getrieben werden. Unmöglich, an diesen Bildern vorbei zu gehen, ohne sie zu betrachten, gemacht wie sie sind nach lebenden Modellen und versehen mit den schreienden Farben des Impressionisten.
Der Laden ist geschlossen, in Schatten gehüllt, und der Erlöser steht da in seiner kaiserlichen Tunika, von den Gaslaternen beleuchtet, sein blutendes Herz zeigend und die Dornenkrone ums Haupt. Seit mehr als einem Jahre werde ich von dem Erlöser verfolgt, den ich nicht verstehe und dessen Hilfe ich überflüssig machen möchte, indem ich mein Kreuz selber trage, wenn es möglich ist. Das ist der Rest eines männlichen Stolzes, der etwas Widriges in der Feigheit findet, seine Vergehen auf die Schultern eines Unschuldigen zu werfen.