Ich habe den Gekreuzigten überall gesehen: in den Spielsachenläden, bei den Bilderhändlern, in den Buchhandlungen, besonders auf den Kunstausstellungen, im Theater, in der Literatur. Ich habe ihn auf meinem Kissenbezug gesehen, auf den Feuerbränden im Kachelofen, im Schnee oben in Schweden und auf den Klippen an der Küste der Normandie. Bereitet er seine Wiederkunft vor oder ist er schon angelangt? Was will er?

Hier im Fenster in der Rue Bonaparte ist er nicht mehr der Gekreuzigte; er kommt von seinem Himmel als Siegesherr, von Gold und Edelsteinen glänzend. Ist er Aristokrat geworden wie das niedere Volk? Ist er es, der "gute Tyrann", den die Jugend sich träumt, ein friedenstiftender, erleuchteter Heros?

Er hat sein Kreuz weggeworfen und das Zepter wieder genommen; zur selben Stunde, wie sein Tempel auf dem Mont de Mars (früher Mont des Martyres genannt) fertig ist, wird er kommen und selbst die Welt regieren; wird vom Thron stossen den ungetreuen Stellvertreter, der es zu eng findet in den elftausend Zimmern, die man in "infamia Vaticani loca" gezählt hat; der sich über seine luxusgefüllte Gefangenschaft beklagt und die Zeit mit kleinen Ausschweifungen auf das Feld der Poesie tötet.

Den Erlöser verlassend, wundere ich mich, als ich zum Saint-Sulpice-Markt komme, dass die Kirche so sehr entfernt zu liegen scheint. Sie hat sich mindestens ein Kilometer zurückgezogen, und die Fontäne im Verhältnis dazu. Habe ich den Sinn für Distanzmessen verloren? An den Mauern des Seminars entlang gehend, meine ich, es nimmt nie ein Ende, so unermesslich kommt es mir diesen Abend vor. Ich wende eine halbe Stunde an, um dieses Stückchen der Rue Bonaparte zu gehen, das sonst nur fünf Minuten erfordert. Und vor mir her schreitet eine Figur, deren Gang und Art mich an jemand erinnern, den ich kenne. Ich beschleunige meine Schritte, ich laufe, aber der Unbekannte setzt seinen Weg mit so genau übereinstimmender Schnelligkeit fort, dass es mir nicht gelingt, den Abstand, der uns trennt, zu verkürzen.

Schliesslich habe ich das Gittertor des Luxemburg erreicht. Der Garten, der bei Sonnenuntergang geschlossen wird, liegt in Ruhe und Einsamkeit, die Bäume sind nackt und die Rabatten von Frost und Stürmen des Herbstes verwüstet. Aber er riecht gut, er dunstet einen Duft von trocknen Blättern und frischem Humus aus.

Der Einhegung folgend, gehe ich die Rue de Luxembourg hinauf und sehe immer vor mir den Unbekannten, der mich zu interessieren beginnt. In eine Pilgerkutte gekleidet, die meiner gleicht, aber von opalweisser Farbe, und schlanker und grösser als ich, geht er vorwärts, wenn ich es tue, bleibt stehen, wenn ich stehen bleibe; er scheint von meinen Bewegungen abzuhängen, und es sieht aus, als sei ich sein Wegweiser. Aber ein Umstand zieht ihm ganz besonders meine Aufmerksamkeit zu, nämlich, dass sein Mantel in einem heftigen Wind flattert, von dem ich nichts merke. Um darüber ins klare zu kommen, zünde ich eine Zigarette an; da ich wahrnehme, wie der Rauch gerade aufsteigt, ohne nach der Seite abzuweichen, wird meine Überzeugung, dass es nicht windig ist, bestätigt. Übrigens rühren sich die Bäume und Büsche drinnen im Garten nicht.

Nachdem wir zur Rue Vavin gekommen sind, biege ich rechts ab und im selben Augenblick finde ich mich vom Trottoir mitten in den Garten versetzt, ohne zu verstehen, wie es zugegangen ist, da die Pforten geschlossen waren.

Vor mir, zwanzig Schritte entfernt, steht mein Begleiter, mir zugewendet, und sein bartloses, blendendweisses Gesicht breitet einen leuchtenden Dunstkreis in Form einer Ellipse, deren Mittelpunkt von dem Unbekannten eingenommen wird. Nachdem er mir ein Zeichen gegeben hat, ihm zu folgen, geht er weiter und führt seinen Strahlenkranz mit sich, so dass der düstere, kalte und schmutzige Garten hell wird, wo er geht. Und noch mehr, die Bäume, die Büsche, die Kräuter grünen und kleiden sich in Blüten, und zwar in einer Ausdehnung, die mit dem Bereich seiner Strahlenglorie übereinstimmt, erlöschen aber wieder, wenn er vorbei ist. Ich kenne die grossen Cannagewächse mit Blättern wie Elefantenohren oberhalb der Statuengruppe Adam und seine Familie wohl wieder, wie das Beet von Salvia fulgens, der feuerroten Salbei, den Pfirsichbaum, die Rosen, die Bananenpflanze, die Aloen, alle meine alten Bekannten und jeder auf seinem Platz. Das einzige ist, dass die Jahreszeiten durcheinander gemischt zu sein scheinen, so dass die Frühlingsblumen gleichzeitig sind mit den Herbstblumen.

Was mich aber am allermeisten verwundert, ist, dass nichts von all dem mich verwundert, sondern dass alles erscheint, als sei es ganz natürlich und wie es sein soll. So, als ich am Bienengarten vorbeigehe, schwärmt ein Bienenschwarm um die Stöcke und nimmt die Blumen daneben in Angriff, aber auf einem so genau abgesteckten Umkreis, dass die Insekten im selben Augenblick, wie sie in den Schatten hineinfliegen, verschwinden, und dass der beleuchtete Teil einer Salbei mit Blättern und Blüten bedeckt ist, während der beschattete Teil welk und vom Reif schwarzgebrannt bleibt.

Unter den Kastanienbäumen wird das Schauspiel hinreissend schön, als unter dem Laubwerk ein leeres Waldtaubennest auf einmal von girrenden Gatten eingenommen ist.