15. Juni.—Ich steige nach Paris hinab, um einen Scheck in Papier und Gold zu verwandeln. Der Quai Voltaire schwankt unter meinen Füssen; das setzt mich in Erstaunen, obwohl ich sehr wohl weiss, dass die Brücke du Caroussel unter dem Gewicht der Wagen erzittert. Aber heute morgen setzt sich die Bewegung bis in den Hof der Tuilerien und in die Opernstrasse fort. Eine Stadt zittert wohl immer, um es aber zu fühlen, muss man geschärfte Nerven haben.

Die andere Seite des Flusses ist für uns andere vom Montparnasse ein fremdes Land. Ein Jahr fast ist vergangen, seit ich dem Credit Lyonnais oder dem Café de la Régence meinen letzten Besuch machte. Auf dem Boulevard des Italiens erfasst mich Heimweh, und ich eile zum andern Ufer zurück, wo der Anblick der Rue des Saint-Pères mich tröstet.

In der Nähe der Kirche Saint-Germain-des-Pres treffe ich einen Leichenwagen, dann zwei kolossale Madonnen, die auf einem Wagen fortgeschafft werden. Die eine von ihnen, die auf den Knien liegt, die Hände faltet und die Blicke zum Himmel erhebt, macht einen starken Eindruck auf mich.

16. Juni.—Auf dem Boulevard Saint-Michel kaufe ich einen Briefbeschwerer aus Marmor; er ist mit einer Glaskugel geschmückt, welche die Madonna von Lourdes enthält, im Rahmen ihrer berühmten Grotte; vor ihr liegt eine verschleierte Dame auf den Knien. Ich stelle das Bild in die Sonne, und die wirft wunderbare Schatten auf die Wand. Auf der Rückseite der Grotte hat der Gips durch einen Zufall, den der Künstler nicht vorausgesehen hat, einen Christuskopf geformt.

18. Juni.—Der dänische Freund tritt bestürzt und am ganzen Körper zitternd in mein Zimmer. Popoffsky ist unter dem Verdacht, eine Frau und zwei Kinder, seine Geliebte und seine beiden ehelichen Kinder, ermordet zu haben, in Berlin verhaftet worden. Als die erste Überraschung vergangen ist und das aufrichtige Mitleid mit einem Freund, der mir, trotz allem, soviel Eifer erwiesen hat, sich legt, breitet sich eine tiefe Ruhe über meinen Geist, den seit mehreren Monaten bevorstehende Drohungen gefoltert haben.

Unfähig, meinen gerechten Egoismus zu verheimlichen, lasse ich meinen Gefühlen freien Lauf:

—Es ist schrecklich, und doch erleichtert es mich, wenn ich an die Gefahr denke, der ich eben entgangen bin.

—Was hat ihn zu dem Verbrechen getrieben?

—Vielleicht war die legitime Gattin auf die illegitime Geliebte eifersüchtig; auch die Kosten, die diese verursachte, können mitgewirkt haben. Vielleicht auch....

—Was?