So wanderte er bergauf und bergab, durch Sonne und Wind, über die unermeßlichen Straßen der Welt. Er irrte wohl einmal tagelang auf Heiden und in Wäldern umher, um dann ausgehungert wieder niederzusteigen in die Täler, wo die Menschen wohnen. Und dort bettelte er, unwillig brummend wie ein Bär, der unter der Peitsche tanzen muß. Mit seinem mageren Gesicht, worin die starren Augen glommen, jagte er den Frauen Schrecken in den Leib; sie gaben ihm ein Butterbrot und zogen schnell ihre Kinder wieder ins Haus. Er dankte nicht und ging weiter und machte vor der Wirtschaft halt, wo die Pächter im Schatten beim Kegeln saßen und ihre Pfeife rauchten, die Hand am schäumenden Krug. Sie hatten Scheu vor seinem langen, unbeweglichen Schatten und rückten vorsichtig zur Seite, damit er sie nicht anrührte. Er sprach kein Wort, aber seine hagere Gestalt prophezeite Krankheit, Hungersnot und vielleicht noch schlimmere Plagen. Und in seinen Augen lag eine stumme Frage, die sie lieber nicht sehen wollten. Vor Ahasverus fühlte man sich beunruhigt, ohne recht zu wissen warum, — wie beim Sinken der Abendschauer, wenn der Mensch über das kurze Leben nachdenkt und das, was jenseits liegt.

Und er wanderte, wanderte. Bisweilen, als fürchtete er sich selbst, fühlte er wieder den Drang, unter vielen Menschen zu sein, verloren in einer Menge. So lief er einmal tagelang mit einem Heere mit, längs der Wege. Die Kriegsknechte wurden wild von dem endlosen Latschen und trieben allerlei Mutwillen auf dem platten Land, spielten die Herren, stießen mit ihrer Pike die Bauern vor sich her, forderten Speck mit Eiern, altes Bier und junge Mädchen. Zum Schluß, als sie in eine große Stadt kamen, fingen sie an zu meutern und zu plündern. Sie rannten wie wilde Raubtiere brüllend durch die dunklen Gassen, drangen in hellen Haufen in die Läden der Juden ein und warfen dann die Leichen durch die Fenster. Der Boden war rot und schwarz vom Blut, man focht bis in die Kirche, und Ahasverus sah, wie flehende Frauen und Würmlein von Kindern abgestochen wurden, als wäre es zum Spaß. Aber das Schrecklichste schien ihm dabei, daß sein Herz nicht einmal bebte: Geschah das in einem fernen Traum? Waren das Menschen, die da mordeten oder starben? — Als eine gewaltige Orgie über all dieses Sterben hinwegzulodern begann, flüchtete er wieder weiter, denn mitten im Gewühl noch war er allein — er war immer mutterseelenallein.

Er stand außerhalb der Menschheit und blieb doch ein Mensch, nichts als ein Mensch. Er stand außerhalb der Zeit der Menschen und fühlte doch diese Zeit in sich nagen. Er sah überall den Tod und das Leben im Streit, ohne Ende. Er sah Tempel in stinkende Beinhäuser verwandelt, wo am hellen Tag Hyänen heulten; er sah, wo früher die Wüste lag, eine Stadt ihre hohen Mauern und Türme erheben. Er sah neue Völker auftauchen und andere versinken. Er war der gleichgültige und doch leidende Zeuge des sinnlosen Daseins, das auf- und abgeht, stirbt und aufersteht, um wieder zu sterben. Er ging von Land zu Land, unbefriedigt; was ihm auch begegnete, es konnte sein Herz nicht füllen, er wollte weiter, weiter. Und er wußte es wohl, im Tiefsten seines Bewußtseins, daß sein Sehnen ewig war — daß ewig die Flamme war, die seine Seele versengte.

Er sah in Ägypten die Sphinx: eine Art Krebs fraß an ihrem Gesicht, und sie war schon halb im Sande versunken; sie schien müde vom Schauen in das Nichts. „Deine Zeit ist aus,“ dachte der Wanderer, „nun kommt die meine.“

Er sah das Land, wo die Bäume mit den Wipfeln im Boden wachsen und mit den Wurzeln in der Luft. Da laufen die Menschen auf dem Kopfe; sie kriegen Hühneraugen auf dem Schädel und Verdrehtheiten in die Füße; und sie essen mit dem Hintern, was mancher Gelehrte nicht glauben will. Aber Ahasverus hatte schon lange gefunden, daß nichts wahr oder unwahr genannt werden darf.

Er sah auch das Land, wo es eine löbliche Tat ist, seine Eltern umzubringen, ehe sie zu zäh werden, und sie einzupökeln für den Winter. Das schmeckt ganz lecker, sagen sie, wenn mans mal gewohnt ist. Ahasverus tat nicht wie ein unerfahrener Tourist, der sich über alles wundert, denn er hatte schon lange gefunden, daß nichts gut oder böse genannt werden darf.

Er sah Völker, die den Frieden priesen, und andere, die von nichts wissen wollten als von Krieg und Blut. So war jeder auf seine Weise glücklich oder unbefriedigt und hielt alles übrige für Narrheit. Er sah einen Stamm in Afrika, der sich von Waldpavianen regieren ließ. Er sah Menschen, die Weihrauch anzündeten für bekleidete Puppen oder für einen Haubenstock mit einem Hut darauf, und andere wieder, die ihren Dreck anbeteten. Und alle waren überzeugt, daß sie allein die göttlichen Gesetze beim richtigen Zipfel hatten.

Er sah das Land der Läusemenschen: die leben splitternackt in einem Tal, das wie ein Kessel ist, und beten gar nichts an, sondern liegen den lieben langen Tag auf dem Bauch, die Augen halb geschlossen, verloren in einem trägen, gestaltlosen Traum. Mit den Nägeln kratzen sie sich ihre Nahrung aus der Erde und kennen kein festlicheres Mahl, als Würmer und Ungeziefer. Wenn es regnet, verkriechen sie sich in Höhlen. Ahasverus sah von einem steilen Felsen aus gerade unter sich solch ein Faulwams sitzen und spuckte darauf: das plumpe Ding kroch etwas weiter, wie eine Kröte, und als Ahasverus noch einmal spuckte, rührte es sich nicht mehr. Wenn es Abend wurde, suchten sie einander träge und setzten sich dicht zusammen, und dann begann eines von ihnen ein ängstliches, langgezogenes Geheul durch seine heisere Kehle zu jagen, worauf zwei oder drei andere und dann eine ganze Herde da unten in der Dämmerung mitblökten, so traurig und verlassen, daß Ahasverus es niemals wieder vergessen konnte.

Oben, auf dem Berg, war die Stadt der Weisen: die pfiffen auf alles zeitliche Gut, und ihr Gesicht schien immer verklärt durch himmlische Gedanken, wie ein stilles Licht, das rötlich durch eine Alabastervase scheint. Sie waren sehr zart von Umgang und fürchteten das Sterben nicht, aber man fühlte etwas wie ein stilles Heimweh in ihrem Lächeln.

Als Ahasverus dort nach einiger Zeit wieder vorbeikam, bemerkte er, daß ein tüchtiges Stück von dem Berg der Weisen nach einer besonders feuchten Jahreszeit allmählich ins Tal niedergesackt war, so daß Heilige und Läusemenschen nun brüderlich vereint lagen, dreihundert Fuß unter der Erde. Ahasverus zertrat noch einige Ameisenhaufen, aber lustig war das eigentlich nicht, und voller Ekel zog er anderswohin.