Seine Lippen blieben geschlossen, sein Blick blieb hoch und hart. Aber auf einmal sah er nichts mehr als die Augen Christi, Schweiß und Blut verdämmerten, er sah nichts mehr als die stillen, durchdringenden Augen, die reinigend das Antlitz erhellten. Ja, das war sein Bruder; ja, er sah es nun wohl: dieser hatte auch etwas, das dunkel in ihm glühte, etwas, womit er nirgendhin wußte, eine ewige Unrast; er sah es da wie in einem Abgrund, aber über dieser Tiefe zitterte ein unergründliches Licht, wie ein Lächeln, ein Segen . . . Ahasverus fühlte, wie die sanfte Flamme dieser Augen sein Herz versengte.
Und seitdem er das gesehen hatte, brannte es in ihm fort, mitleidslos, unauslöschlich, und er mußte Christus folgen, seinem Bruder. Und die ganze schreckliche Passion mußte er mit leiden: sein Fleisch war es, das durchbohrt und an das Kreuz genagelt, sein Mund, der voll Essig und Galle gestopft, seine Seite, die durchstochen wurde. Als Jesu Mutter in Ohnmacht sank, zerriß auch ihm das Herz, aber nicht einen Sohn nur beweinte er. Und als das Volk, von Furcht und Reue ergriffen, wegflüchtete unter dem trüben, leeren Himmel, ehe Er da oben Seinen letzten Seufzer tat, und nur noch einige Soldaten dablieben, die um seinen Mantel würfelten, und eine Wolke seine Stirn umflorte und Er rief: „O Vater, warum hast Du mich verlassen?“ — da suchte Ahasverus’ Blick Seinen geliebten Blick, und sie vergingen zusammen in demselben Meer von Verzweiflung, über dem dann das triumphierende, das unbegreifliche Lächeln Christi wieder glänzte.
Und als alles vollbracht war, eilte Ahasverus fort, wohin, wußte er nicht: er wußte nur, daß er niemals wieder ruhen würde und wandern und wandern würde, ohne Ende — ohne Ende.
Ahasverus auf dem Weg zur Hölle
Er ging, das Haupt zur aschgrauen Erde gebeugt; der Himmel da oben war nicht mehr für ihn da, er wollte nichts mehr sehen. Aber unauslöschlich brannte in ihm die sanfte Flamme von Christus’ Blick.
Und er haßte diesen Blick. O, hätte er ihn vergessen können, seine Brust offenreißen, um die Glut da drinnen totzuwürgen! . . . Umsonst! Er ging mit dieser unsagbaren Pein durch die leere Welt, und in seinem ganzen Wesen war eine Lust, nicht mehr zu sein.
Ja, nicht mehr sein! Aber . . . sterben — wie ist das Sterben doch mühsam! Er konnte nicht mehr wollen; — nicht denken, das war das einzige, was er wollte. Und es war doch auch eine versteckte Angst in ihm . . . er wollte nicht mehr denken.
Die Helle der Tage und das Dunkel der Nächte wechselten in ständigem Wandel über ihm. Er ging, schlief einen unruhigen Schlaf von einigen Stunden und ging dann weiter; die eine Hand hielt einen Knotenstock umklammert, die andere wühlte in seiner Brust oder umkrampfte bisweilen seine Stirn, als stäche ihn da eine Dornenkrone. Er mied zuerst die Dörfer, aß Früchte oder Rüben, und ging nur immerzu, unbewußt, verloren.