Und der andere: „Unsere Schuld ist es nicht! — Hat er meinen Händen wieder Gefühl gegeben, so tat ers doch, daß ich was davon haben sollte . . .!“ Und sein Arm umfaßte die Wirtin, die aus vollem Halse mit schuddernder Brust lachte.

Vor der Wirtschaft schlenderten Jerusalemer, ganze Familien, die vor Ungeduld gähnten. Niemand arbeitete an diesem Tage, es war etwas wie eine seltsame Kirmesstimmung in der Luft, wenn das Wetter auch tot und trübe blieb. An dem Stadttor näselte ein Spielmann seine Lieder, angegafft vom Volke, und ein Haufen Rotznasen lief hinter einem roten Lappen, der an eine Stange gebunden war, singend vorbei mit Rumpelkasten und Kesselpauke. Aus allen Fenstern steckten Neugierige ihre Köpfe heraus, und auch auf den Dächern saßen die Menschen dicht gedrängt.

Das Mittagbrot hatten sie schon hinunter, und viele begannen stumpf zu werden vom langen Warten, als endlich Radau und Fanfarengeschmetter in der Ferne hörbar wurde. — „Da sind sie! Da sind sie!“ Und bald erschien die klägliche Prozession an der Biegung der Hochstraße, von wo sie sich langsam zum Stadttor bewegte.

Hinter einem Haufen Straßenjungen und Pflastertreter, die, von Hunden angebellt, dahinliefen oder Arm in Arm in Reihen pfeifend weiterhopsten, kamen zuerst Soldaten mit Helm und wehendem Federbusch, auf bunt-geschabrackten Pferden; die trugen Schilder und Standarten. Und dann etwas Musik und Fußvolk mit Spießen, Landsknechte in schweren Kollern, Hellebardiere, Bogenschützen, Hilfstruppen aus Libyen und Äthiopien, Mohren und Schornsteinfeger, kurzum, der Teufel und seine Großmutter, alles, was sie auf die Beine bringen konnten. Und umschlossen von all dieser rohen Macht schritten höchst befriedigt die Hohenpriester mit Kaiphas, die Schriftgelehrten, die Ältesten des Volks, die Küster und Stuhlsetzer des Tempels, der Statthalter und sein Rat, die Zunftmeister der reichen Tuchgilde, der Bund der Geldwechsler, die Gesellschaft zur Förderung des Fremdenverkehrs, der Verein der Hausbesitzer und Grundeigentümer, all die Mucker, Betbrüder und Schwarzen von Jerusalem, all die konzessionierten Betrüger und Halsabschneider, all die Schacherer, all die Geldhunde, all die Blut- und Hirnsauger, all die Schinder und Auffresser des gemeinen Mannes. Und wieder Soldaten und Soldaten, unaufhörlich . . . Wer konnte dagegen noch an? Wer sollte sich da noch mucksen? — Aber o! der elende, gebrochene König, der dahinter unter dem großen Kreuz sich fortschleppte! . . .

Die meisten Zuschauer schwiegen nun, die Kehle zugeschnürt, mit einer düsteren Vorahnung im Herzen, oder guckten mit ihren Kuhaugen und dachten: „Er hat es verdient!“ oder „Was können wir daran ändern?“ oder „Er hat uns betrogen, er hat uns das Glück versprochen“, und diese waren ärgerlich, weil kein Wunder geschah. Aber sie wagten einander nicht mehr anzublicken. Es gab auch solche, die einsahen, daß sie übel getan hatten, und darum ärgerlich wurden: sie riefen Schimpfworte und warfen Dreck nach dem Mann. Die Frauen bedauerten ihn mit leisen Worten des Mitleids und schluchzten. „Er muß doch etwas verbrochen haben . . .“ sagte nahe bei Ahasverus eine, die einen Säugling auf dem Arm trug.

Und Ahasverus sah den Mann mit dem Kreuz heranstraucheln. In seiner Seele saß der Tod. Er hätte alles vergessen mögen, nicht mehr diese feigen Lumpenhunde sehen, nicht mehr dies ohnmächtige Weibergejammer hören. Er dachte: „Da ist der Wortgaukler, der seinen Traum nicht tragen konnte, der Verräter, der meinen Traum gemordet hat. Und nun bleibe ich allein, — ich — allein . . .“ Er wälzte es wieder in sich herum, gleichgültig gegen seinen eigenen Schmerz; Gleichgültigkeit umschloß ihn überall, als hätte er niemals wieder seine Arme ausstrecken können. Ja, es hätte so schön werden können! Aber alles war unnütz, das Leben war unnütz . . . Und weil er allein, er allein das wußte, sprach etwas in ihm: „Ich werde nicht zerbrechen.“

Aber als der Galiläer das Stadttor erreicht hatte, geschah etwas Wunderbares.

Ahasverus stand kerzengerade mit hohen, breiten Schultern da, seinen harten Blick auf Jesus gerichtet. Jesus fiel auf die Kniee unter der schweren Last des Holzes und sah Ahasverus an mit etwas wie einem flehenden Schrei in seinen Augen. Sein Gesicht war bleich, schweißbedeckt, voll Staub und Blut. Er hatte Ahasverus erkannt, und schweigend schien er zu sagen: „Du, der du mein Bruder bist, hilf . . .“

„Warum?“ dachte der Zweifler, und noch einmal „warum?“ mit einem höhnischen Lachen über sich selbst und über alles. Und in der schaurigen Öde seines Herzens stand es tief eingegraben: „Ich werde dem nutzlosen Traume treu bleiben. Ich werde nicht weinen. Ich werde nicht zerbrechen.“