Dieser Barrabas, müßt ihr wissen, war in Jerusalem wohl bekannt und dem Volke teuer, als ein unverbesserlicher Windhund, Lüderjan, Nachtschwärmer, Pflastertreter, Saufaus, Würfelspieler, Hurenbock, Prasser, Zotenreißer und Hans in allen Gassen.
„Wenn du uns die Wahl läßt,“ sagte Kaiphas, „dann gibst du zu, daß Jesus schuldig ist!“
Pilatus verlor auf einmal alle Geduld: „Ich hab genug davon,“ schloß er wütend, „ich sitze hier schon den ganzen Morgen und rede mir die Zunge aus dem Hals, kreuzigt ihn, wenn ihr ihn nun doch mal kreuzigen wollt, aber dann gleich, damit es ein Ende hat! Und der erste, der sich dann noch muckst, fliegt an . . .“
Es war, als ob eine fürchterliche Welle das ganze wimmelnde Gedränge oben hinauf zum Richthaus tragen wollte mit wildem Gejauchze. Jesus wurde im Tumult fortgeschleppt, und Pontius Pilatus machte sich mit rundem Rücken aus dem Staube.
Für Ahasverus verlief alles nun, als ob es ganz fern von ihm geschähe, als ob er jenseits der Menschheit irrte, jenseits des Lebens. Was sie zu kreuzigen sich anschickten, es war etwas von dem letzten Traum, der ihn aufrechterhalten hatte; aber auch diese Kreuzigung und alles, es geschah in einem Traum. Alle Dinge trugen das Antlitz des Todes.
O, er mußte da heraus, er wollte zurück in die Wirklichkeit, er wollte noch einmal von ganz nahe Jesus anschauen, um deutlich zu fühlen, daß dies alles kein Hirngespinst war, zu fühlen, ob es wahr sei, daß er, Ahasverus, nun ganz allein, ganz allein auf dieser Welt blieb, um all ihre Jämmerlichkeit, all ihre Leere zu schleppen.
Das Fieber brannte in ihm, er war heiser vom Schreien, er mußte heraus aus diesem höllischen Gewühl. Er ging bis an das Stadttor, durch das der Zug zum Kreuzberg hinauf ziehen mußte. In dem Tor war eine kleine Wirtschaft. Ahasverus gab seine letzten Pfennige für ein Glas Bier und blieb draußen auf einer Bank sitzen: dort konnte er alles gut sehen.
Ein Blinder und ein Lahmer, die früher vor dem Tor zu betteln pflegten und die Christus geheilt hatte, machten laut ihre Späße mit der Wirtin.
„Ihr solltet euch schämen!“ sagte diese.
Der eine antwortete: „Was können wir dabei machen? — Hat er mir meine Augen wiedergegeben, so tat ers doch, damit ich sie brauchen sollte!“ Und er sah die Wirtin lauernd mit geilem Blick an.