Pilatus, der sich den ganzen Mummenschanz ausgedacht hatte, in der Meinung, daß das Publikum ihn nach solch einem Schauspiel in Frieden lassen würde, trat nun vor, und um zu zeigen, wie unschädlich der arme Schächer doch eigentlich wäre, spöttelte er gutmütig, indem er mit seiner geöffneten molligen Hand auf ihn wies:

„Ist das nun der König der Juden?“

„Hu! hu!“ raste das Volk zu dem schweigenden Manne mit der Dornenkrone und dem Rohr, und „Hu!“ raste Ahasverus, „hu! der König des Neuen Reiches, der König, der einen Traum hatte und kein Schwert, um eine Wirklichkeit, eine Wirklichkeit daraus zu machen!“

Aber die Hohenpriester fürchteten, daß die Beute ihren Krallen entschlüpfen könnte: „Pilatus höhnt die Juden!“ riefen sie von allen Seiten, „der Kaiser in Rom ist unser König! . . . Er lästert den Kaiser! . . .“ Und Pilatus war schon wieder aus der Fassung, betäubt durch das Gebrüll, aufgehetzt durch Kaiphas.

„Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“ ging es hier und da hartnäckiger los.

Pilatus wurde ärgerlich. „Wir müssen kurzen Prozeß machen“, dachte er. Und da er nicht wußte, was tun, nahm er seine Zuflucht zum Nazarener selber: der verhielt sich auch allzu stumm und wollte kein Wort zu seiner Rechtfertigung sprechen: er mußte — zum Teufel! — doch mal deutlich auseinandersetzen, was er sich eigentlich dachte, dann würde das Urteil vielleicht milder ausfallen; und barsch werdend, platzte Pilatus heraus: „Komm, sei nun endlich mal vernünftig, sei nicht so romantisch, nimm die Dinge, wie sie sind . . . Ich habe dich in meiner Macht, ich kann mit dir machen, was ich will, rede . . .“

„Du vermagst nichts über mich!“ sagte Christus, den Blick in sich gekehrt; „ich bin die Wahrheit.“

„Wahrheit . . . Wahrheit . . . was ist Wahrheit?“ murmelte Pilatus und betrachtete mit aufrichtigem Mitleid diesen armen Schwärmer, der so jämmerlich seine Sache verdarb. Aber er hatte schon einen anderen Ausweg gefunden, um sich die Geschichte mit einem Schlage vom Halse zu schaffen:

„Werte Mitbürger, es ist ein uralter Brauch, eine ehrwürdige Überlieferung . . . eine Überlieferung, sage ich, der wir also treu anhängen müssen, daß der Statthalter zum Osterfest einen Gefangenen losläßt; — wollen wir diesen denn nicht laufen lassen?“

„Nein, nicht Jesus, — Barrabas!“ rief eine Stimme. Und „Barrabas! Barrabas!“ war der Schrei, der nun von überallher emporstieg. „Barrabas!“ schrie auch Ahasverus.