Ahasverus auf dem Weg zum Himmel
Auf einer Lichtung hauste in jenem Walde ein alter Eremit: seine Klause war so klein, daß ein Kaninchen mit vier Sprüngen alles davon gesehen hätte. Der heilige Mann schlief dort auf einem Bett von dürren Blättern. Er buk sich selbst sein Roggenbrot, zog etwas Gemüse und hielt eine Ziege und ein Dutzend Küken. Für die schönen Körbchen, die er zu flechten verstand, bekam er dann und wann das wenige, was er sonst noch brauchte, aus einem entlegenen Dorf, und Wallfahrer brachten ihm bisweilen auch Leckerbissen von der Kirmes, etwa weißen und schwarzen Schwartenmagen mit Schnuten und Poten. Aber des Klausners Seele und all sein Tun waren stets Gott allein zugekehrt. Ihn bewundern und loben in all seinen Werken und versinken in die Betrachtung seiner unerschöpflichen Güte, das war seine Beschäftigung, und das war sein Leben.
Und so geschah es einst, als er am frühen Morgen schon still am Wandeln war und mit dankbarem Staunen das Wunder aller Tage beschaute, den Morgensonnenglanz, der durch den feuchten Wald spielte, daß er einen Mann auf dem Bauche liegend fand, mit ausgestreckten Armen, der leise stöhnte. Der Klausner holte etwas Wasser aus einem Bach, wusch dem Fremdling das Gesicht, und endlich schien dieser aus einem Traum zu erwachen, mit irrem Blick. Er begriff nicht, was der Alte zu ihm sprach, und ließ sich schwankend tragen bis zu dem Blätterbett, wo er dann erschöpft wieder zusammensank.
Ahasverus brannte von dem Fieber, und Visionen durchdüsterten sein Erinnern; die Hölle rief noch hinter ihm, und er klammerte sich fest an den Arm des Klausners, um nicht in jene grausige Tiefe zu fallen, wie ein Stein in einen Abgrund. Und der Alte, um ihn zu beruhigen, klopfte ihm dann leise in die Hände, wie man einem Kinde tut, und dankte im Innersten Gott, der ihn vielleicht als Werkzeug erwählt hatte, um einen armen Sünder zu retten.
Und jedesmal, wenn Ahasverus seine Augen öffnete, sah er den guten Graubart sogleich herbeikommen, und das Lächeln in diesem runzligen Gesicht war so natürlich, daß Ahasverus dann auch matt lächelte, — er fühlte sich so völlig erschöpft . . .
An diesem Tage sprachen sie beinahe nichts. Von Zeit zu Zeit bat Ahasverus um einen Trunk; das kühle Quellwasser erfrischte sein Herz für einen Augenblick. Als das Fieber ihn ein wenig losließ, blickte er halb bewußtlos auf das ruhige Treiben des Eremiten, der Kräuter für den Kranken ziehen ließ oder ihm seinen Brei kochte oder still dasaß über den dicken Kugeln seines Rosenkranzes und betete.
Aber als der Abend kam, wurde Ahasverus todesbang: das geheimnisvolle Leben des Waldesdunkels begann wieder zu spuken und über ihn hin zu heulen. Erst als er fühlte, daß der Klausner ihn bei der Hand hielt, konnte er die Nachtmahr von sich abschütteln, und als er das klare Gesicht über sich gebeugt sah, war es ihm auf einmal, als ob seine Mutter vor ihm stünde. So schlief er denn sanft ein.
Als der Hahn ihn wach krähte, war der Wald, den er durch die offene Türe sah, schon blauig von der Frühe des Morgens; ein rosiger Strahl glitt durch das Fensterchen in die Klause, und draußen war ein Gezwitscher und Geflöte von Meisen und Amseln in der Kühle; sogar den alten Eremiten hörte Ahasverus irgendwo singen, etwas wie ein Gebet, auf eine verhaltene und eintönige Weise, die kindlich klang.