Verzweifelt suchte er nicht mehr zu denken, aber die Frage war da, und er mußte wohl hassen, er konnte nicht mehr anders, mit einem Haß, der schon das Zeichen des Todes trug. Und er blieb den ganzen Tag irgendwo in einer Höhle verborgen, niedergekauert wie ein Tier, das Angst hat.
Sein Kopf schmerzte ihn, seine Kehle war trocken, das Fieber brannte in ihm; in seinem Munde fühlte er noch etwas wie einen faden Geschmack von Blut, der ihn an das Meerweib erinnerte.
Er jagte ihr Bild fort, er wollte alles, alles vergessen; aber andere Visionen stiegen herauf, bisweilen verschwommen und dann zugleich wieder furchtbar deutlich.
Er sah die Stadt in Feuer und Flammen, wo die Landsknechte beim Morden waren; er sah die Augen eines steinalten Mannes, der nicht mehr schreien konnte und das Messer in die Kehle kriegte; er sah eine Frau auf den Knieen, ihr Kind an der Brust, fast in ihren eingekrampften Leib gedrückt; sie rief: „Gott, o Gott!“ dem Wüstling zu, der auf sie eindrang, und das unschuldige Lamm in ihren Armen wurde auf eine Pike gesteckt, das Blut spritzte bis zu Ahasverus’ Gesicht . . .
Ja, diese Mutter rief nach . . . etwas anderem . . . Denken wohl die Ameisen, die man tottritt, auch manchmal daran? Dies Kind hatte doch nichts verbrochen, sie marterten es ohne Grund, und es litt sinnlos. So war es überall: blinder Blutdurst, sinnloses Leid! Ahasverus’ Gedanken kreisten darum, mit einer heimlichen, tückisch lauernden Zufriedenheit: es war etwas darin, das ihm wohltat. Grausam sein ohne Zweck, war das nicht das Göttliche? Und erstickte das nicht in Blut, was die Ameisen von Menschen Gott nennen?
Es war, als ob er das zuckende Fleisch des Kindleins mit seinen bebenden Fingern berührte. Ein teuflisches Lachen wollte aus ihm heraus, aber er konnte nicht einmal mehr lachen. Und als er aus seiner Höhle gekrochen war, stand er in der Nacht glotzend da, auf Händen und Füßen, und fühlte den Wahnsinn in sich steigen und dachte: „So ist es gut!“
Im Walde war nur noch hier und da ein trübes grünes Licht, wie tief unter dem Wasser, und es schienen träge Gestalten sich darin zu bewegen. Ahasverus hörte Stimmen auf sich zukommen, Stimmen ohne menschlichen Klang, die er aber bisweilen zu verstehen glaubte, wenn sie auch verworren waren und flüchtig. So begann die Nacht seltsam zu leben, mit dem matten Flügelschlag der Eulen und allerlei Lauten von Tieren, die im wilden Gestrüpp einander suchten. Was sie riefen, war ihm zuweilen verständlich, aber er vergaß es sogleich wieder: es war etwas wie Schreie aus ihrem Fleisch, durch andere, ebenso zusammenhanglose Schreie rasch wieder fortgeweht. Das ganze Volk des Waldes begann um ihn herum zu erwachen. Wölfe liefen vorbei auf weichen Pfoten, und er fühlte ihren feuchten Atem; eine Schlange zog langsam ihre kalten Ringe über seine Hand; das Gesträuch knackte unter dem schweren Leib eines Ebers, der, mühsam aus den Nüstern blasend, sich an einem Baume rieb, und Ahasverus roch den warmen Geruch seines Schweißes und dachte: „So ist es gut!“ Er spürte zugleich wieder jenen Blutgeschmack in seinem Mund und dachte: „So ist es gut!“ Und als der ganze Wald zu rumoren anfing und er ringsum Gestampf und Gebrüll vernahm von Brunst und schmerzendem Genuß, begann er mit zu heulen, ohne zu wissen warum, wie ein Raubtier, das zuviel unerträgliches Leben in sich hat und es voll Schmerzen ausströmen will.
Nun war es, als ob alles, was laufen, fliegen oder kriechen konnte, um ihn herum krabbelte und wimmelte. Haufen kleiner Tiere schwärmten wie Bienen, wanden sich wie Würmer, besprangen einander in Paarungswut und bissen einander. Die mageren wurden verschlungen von den fetten, die fetten gestochen von den flinken. Viele waren da wie fliegende Pünktchen, die alles töteten, was sie berührten. Die Liebe sogar war ein Kampf. Ineinanderverschlungen kämpften Einhörner, Schlangen, Greife, riesengroße Spinnen und phantastische Ungeheuer, mächtig gewappnet für die Begattung und den Mord, mit Ruten wie rote Dolche und Greifarmen zu beiden Seiten des Mauls, die mit Zähnen besetzt waren wie Sägen. Alle wurden nun trunken von stummer Begierde und Zerstörungswut, einige zerfleischten sich selbst, mit triefenden Kinnbacken, und das Blut der Geburten vermengte sich mit dem Blute des Todes. Der Schrei jener Mutter und ihres unschuldigen Kindes in der brennenden Stadt schrie nun aus allem. Die Bäume selbst sah Ahasverus leiden, die Knospen sprangen auf mit einem schmerzlichen Seufzer, die Früchte barsten ächzend und streuten ihren Samen ins Weite, der Saft rann wie eine verzehrende Glut unter der Rinde, und überall war das Leben nichts als ein schmerzenvolles Feuer, das neues Wachstum hier entstehen ließ und es dort wieder versengte: verbrennen, um von neuem zu wachsen, wachsen, um von neuem zu verbrennen, — Leben und Tod waren ein Brand, der auch in Ahasverus’ Adern kochte. Aber er konnte nicht mehr aufstehn, er konnte nicht mehr heulen, er ließ sich mit dem Gesicht auf den Boden fallen, ihm war, als ob er in der Erde festwüchse, um sich niemals, niemals wieder zu rühren, und das Leiden dieser Erde fühlte, all dies Leiden ohne Sinn, während unaufhörlich über ihn hin der Lauf der sich paarenden und kämpfenden Tiere ging und der Schrei des brennenden Waldes, der schrie: „Ewig! ewig! ewig! ewig! . . .“
Und das Schrecklichste waren ihm, über der Hölle, die Augen Christi, die um ihn weinten.