Wenn seine Einsamkeit ihm allzu öde wurde, dann lief er ziellos die schmutzigen Gassen entlang mit ihrem Armeleutegeruch, durchs Gedränge der sich herumbalgenden Rotznasen, der Gemüseweiber, die neben ihren Karren humpelten, der Juden, die überall, vor den Kellern, auf den Türstufen, in Löchern unter den Freitreppen, beim Schachern und Krakeelen waren. Aber er betrachtete mit Groll den elenden Kuddelmuddel und fühlte sich darin noch einsamer denn je.
Manchmal war es ihm, als ob er nur ein Ding zu finden brauchte, nur ein Wort, um glücklich zu sein, — doch kein Mensch in der Welt wußte ihm dies Wort zu sagen. Er hätte seine Arme ausstrecken mögen, um das volle Leben einmal tüchtig anzupacken, aber er fühlte wohl, daß, was er auch tun mochte, die schreckliche Leere seines Herzens nicht füllen konnte, daß niemals Happen und Brocken seinen Hunger befriedigen würden, daß er immer weiter streben würde, frei, freier als die Lerche, als die Winde, als der Tod, und daß alles Wünschen darum nutzlos war, alles nutzlos.
Und so saß er gefangen in seiner Verdammnis, wie in einem Keller ohne Tür oder Luftschacht.
Und doch, hatte das Leben auch keinen Reiz für ihn, kam er sich auch oft gänzlich ausgelaufen vor, es steckte im Tiefsten seines Herzens, so tief, daß er selbst es nicht sah, etwas, woran kein Teufel rühren konnte. „Sie werden mich nicht kriegen“, sprach er bei sich selbst und lachte höhnisch und biß die Zähne zusammen und hielt sich steif. Denn das will ich euch nur sagen: er war ein Mann vom Kopf bis zu den Füßen, kein Seelchen von Zucker und Honig, kein Faselhans oder Flausenmacher, sondern ein knorriger Kerl aus einem Stück mit ein paar sehnigen Arbeitshänden, einem klaren Kopf und einem Brustkasten, den man anpacken konnte.
Nun war es, müßt ihr wissen, damals eine harte Zeit, und das Volk hatte viel zu leiden: das Korn, aufgehäuft auf den Böden der Reichen, kostete ein schweres Stück Geld, und alles Fett auf der Suppe wurde abgeschöpft durch Auflagen und Fronden, durch große und kleine Zehnten, die kein Ende nahmen. Daß gemurrt wurde, könnt ihr euch denken: man steckte die Köpfe zusammen und räsonierte hier und dort, an Ecken und Kanten. Wenn die Walker und die Weber am Sonntag getrunken hatten, gab es Radau in ihrem Bezirk, und dann bebten die Patrizier und die Blutsauger des Volkes in ihren verriegelten Häusern. Ahasverus verzog die Mundwinkel und zuckte die Achseln, denn es war ihm bisweilen, als ob er die ganze Menschheit für ein Butterbrot hätte verkaufen können. Doch sah er mit heimlichem Vergnügen, daß bei Volkszählung und Steuererhebung immer mehr geknurrt wurde. „Vielleicht werden sie doch noch einmal Menschen werden!“ dachte er. Aber wenn dann die geharnischten Hellebardiere zu Pferd mit ihren roh lachenden Gesichtern auf dem Markt erschienen, war niemand, der noch zu mucksen wagte.
Der Kram könnte vielleicht doch einen besseren Dreh bekommen, dünkte ihn, als er zum erstenmal Jesus den Nazarener sah.
Er hatte schon seit einiger Zeit davon gehört, wie dieser Fremdling zum Ärger aller Priester und Wucherer die Kleinen um sich scharte und sie mitriß mit seinem inwendig brennenden Wort; und alle glaubten ihm, wenn er prophezeite, daß sie glücklich sein würden und daß einst die Güte auf Erden herrschen würde.
„Faxen!“ hatte Ahasverus konstatiert und war sogleich wieder in seine Höhle gekrochen.
Aber ein andermal hatte er vernommen, wie der Nazarener die Tische der Wechsler im Tempel umgestürzt und all ihre durcheinanderkollernden Geldscheiben über das klingende Pflaster geschüttet hatte, wo sie darnach grapschten, gebückt unter seiner geflochtenen Geißel; und wie er sie mit Sack und Pack zum Tempel hinausgefenstert hatte, mitsamt den Taubenzüchtern, die dort Tauben für die Opfer verkauften. An diesem Tag hatte Ahasverus geschwiegen.
Und etwas später hatte er ihn selbst gesehen. Es war gegen Abend, außerhalb der Stadtmauern, wo zwischen ärmlichen Gärtchen und Plätzen voll Aschengrus, Schutt und Topfscherben die Seiler arbeiten und die Ziegelbrenner. Ein ganzer Schweif war ihm aus Galiläa gefolgt, Tölpel, die wegen ihres bäurischen Aussehens in den Straßen von Jerusalem von den Gassenjungen verhöhnt wurden, rote, wetterharte Fischer, hungrige Lümmel mit dämlichen Augen und bärtige Weinbauern mit harten Köpfen: sie standen um ihren Meister herum und nickten „ja“ zu allem, was er sagte. Die Seiler hatten ihre Bahn verlassen und die Ziegelbrenner ihren Ofen; die Arbeiter, die aus der Stadt heimkehrten, ihr Gerät auf der Schulter, blieben stehn und guckten, und da waren auch Galiläer aus Jerusalem, allerhand Tagediebe, verlauste Krüppel und ein paar Freudenmädchen, inmitten zahlreicher Kinderbrut.