Die Hände in den Taschen und mit den Ellbogen stoßend, schob Ahasverus durch dies Gedränge, immer noch mißtrauisch: „Wir wollen uns diesen Kerl nun mal ansehn . . .“

Er sah ihn, — er sah die erhaben-ernste Erscheinung mit dem schmalen Gesicht, dem etwas bitteren Zug um den Mund und den Augen voll Liebe. Und plötzlich schwieg alles in ihm, er lauschte gespannt, und die Stimme drang in sein Herz; es war, als hätte eine mächtige Hand sich auf ihn gelegt.

Ja, da stand ein Mann! und sein Wort kam auf Ahasverus zu wie eine einfache, nackte Wahrheit. Ja aber, ja aber, wir wollen mal sehn . . . Und Ahasverus sträubte sich dagegen, denn viel begriff er nicht, wie er wohl gewünscht hätte, aber eines wurde ihm doch sogleich klar: daß der ganze Kram von unten nach oben gekehrt werden sollte; von dem großen Tempel, der sich da hinten wie ein Ungeheuer von Weiß und Gold in den Himmel hineinwölbte, würde kein Stein auf dem andern gelassen werden . . . „Wähnet nicht, daß ich gekommen sei, Frieden zu bringen auf die Erde; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ Und Jesu Blick fiel starr auf Ahasverus, der ihn schweigend ansah und plötzlich, er wußte nicht warum, ein tolles Jauchzen spürte in der verstopften Kehle.

Später schämte er sich dessen, und es schien ihm fast, als ob der Nazarener ihn verzauberte. Denn als er vor ihm stand, wurde er gleichsam ein anderes Wesen, er fühlte, daß er ein Mensch war, und daß es noch andere Menschen gab gleich ihm selbst, und daß das Leben einen Sinn hatte und alle Dinge vielleicht so einfach waren. Aber was hoffte er denn eigentlich? Er wußte es nicht. Und zu Hause nagte und knabberte er noch mehr an all seinem Zweifel, und er haßte dann diesen Jesus, der die stumme Glut da drinnen in seiner Brust aufgeschürt hatte, denn nun konnte seine Seele nicht mehr schlafen.

Wußte der Galiläer selbst wohl, was er wollte? Warum schwatzte er von Vergebung und Liebe, wenn er die Macht brechen wollte? Und wie würde er es anfangen, den Hungrigen und Beladenen den ersten Platz an der Tafel zu geben? Wie würde er nun die Menschen ändern? Lag sein Neues Reich in den Wolken, oder wollte er König von Jerusalem werden, und würde dann alle Tage Sonntag und alle Sonntag Kirmes sein? Er sagte wohl: Eure Rede sei ja, ja, nein, nein! Aber warum dann all diese Gleichnisse und diese Bildersprache, woraus kein Mensch klug wurde? Er war am Ende doch nur ein Träumer! . . . Und warum saß er stundenlang im Tempel, zu tifteln über das Gesetz und die Propheten mit den heuchlerischen Pharisäern, „diesen übertünchten Gräbern“, er hatte es selbst erkannt, „die auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller Totengebeine und alles Unflats“? Seine Apostel, einfältige Tröpfe, die überallhin mitliefen, vermochten selbst nicht viel davon aufzuschnappen. Warum entschloß er sich nicht einmal, mit einigen handfesten Genossen die Fäuste aus dem Ärmel zu recken? Aber wenn die Köpfe warm wurden und da etwas zu rumoren anfing, dann wandelte er in aller Gemütsruhe nach Bethanien zu den Schwestern des Lazarus! Nein, auch das gefiel Ahasverus nicht: es war immer zu viel Weibervolk um ihn herum.

O, könnte er doch einmal all diese verrückten Mädchen und diese Lumpenkerle, diese Schwätzer und Tagediebe von dem Manne wegjagen und irgendwo allein mit ihm sitzen, am Abend, und seine Hand in die eigene nehmen und in seine seltsamen, stillen Augen blicken und ihn fragen, was er tun sollte! Denn er konnte sie nicht vergessen, diese sanfte Stimme, die durch begehrende Lippen aus der Tiefe klang, dies entschlossene Gesicht, diesen Blick, der an jenem Tag auf ihn gefallen war und worin er gelesen hatte, ja, deutlich gelesen, daß auch in Jesus etwas brannte, wie in ihm selbst, etwas, womit er nirgendhin wußte . . .

Aber sein ganzes Wesen umgab solch ein Hauch inbrünstiger Trauer, wenn er seinen Blick schweifen ließ über sein hoffendes Volk und weiter zu den hohen Zinnen von Jerusalem, daß Ahasverus nicht wagte, ihn anzureden.

Er blieb in einer kleinen Entfernung schweigend stehen, und oft, wenn er lange nach ihm hinsah, hatte er das Vorgefühl eines großen Glückes, wobei es ihn immer wieder quälte, daß dieses Glück so gar nicht zu greifen war. Aber das wußte er doch: daß da ein Mann war so wie er selbst, ein Mann, der ihn verstehen würde, der ihn retten konnte; und wenn der endlich einmal, wie er versprochen, das Schwert über die fahle Verderbtheit der Welt zückte, ja, dann würde er, Ahasverus, wild in den Kampf fliegen, so dicht wie möglich an seiner Seite, und fechten, daß es krachen sollte, unverdrossen und heiter und triumphierend bis in den Tod, — bis in den nutzlosen Tod, denn wofür gekämpft würde, er wußte es nicht zu sagen: der Himmel würde immer der Himmel sein, so hoch über unserm Haupt, und die Erde an ihrer Stelle bleiben, mit Waschlappen von Menschen darauf, — aber um endlich doch aus seinem Kellerloch und seinem dumpfigen Leben in die Höhe zu springen und sich einen Weg zu hauen nach etwas anderem, was es auch sein mochte, nach dem Ungereimten, dem Sinnlos-Tollen, und doch einen Augenblick über dem zerstörten Leben tanzen zu dürfen in einem gewaltigen Rausch von Verzweiflung, wobei die Welt bersten und vergehn mochte . . .

Doch Jesus predigte nur immerfort und zankte sich weiter mit den Priestern; und da Ahasverus seit einiger Zeit mehr hinter ihm hergelaufen war, als sich um seine Arbeit gekümmert, und sich tüchtig in Schulden gestürzt hatte, so erschien in seinem Keller, am Donnerstag vor Ostern, ein dicker, untersetzter, buntbeturbanter und stolzgefiederter Wicht von einem Gerichtsdiener, der ihm verkündete: daß man in der nächsten Woche sein armseliges Gerümpel verkaufen und ihm nicht einmal einen Nagel lassen würde, um sich damit zu kratzen.

Ahasverus hatte nicht übel Lust, diesen ganzen Hanswurst mal mit dem Gehirn gegen die Wand zu klatschen. Aber etwas war zerbrochen in ihm: er rührte sich nicht und schwieg und schwieg und blickte um sich wie ein Tier, das den Tod sieht. Er fühlte die Faust wieder, die ihn beim Nacken gepackt hielt, er saß gefangen in seinem Verhängnis, er konnte nicht mehr heraus. Er lag da, weggespült, willenlos, halb zusammengesunken, in einem schmierigen Winkel. Läg er doch nur sechs Fuß tief unter der Erde! Wenn man kaputt ist, so ists aus, dachte er; die Menschen sind ebenso schwach gegen das Böse wie gegen das Gute, sie sind weder die Hölle noch den Himmel wert. Aber das Nichts, das Nichts, — das schien ihm noch fürchterlicher als selbst der Höllenbrand . . .