Die Glut fraß wieder in ihm und wußte nicht, wo sie herausschlagen sollte; er fühlte, wie eine tödliche Lähmung ihn beschlich, und eine wilde Raserei schäumte in seinem zerschlagenen Kopf, — umsonst! umsonst! Stunden entglitten, eine nach der andern, und er saß noch da, als schon das Dunkel alles umhüllt hatte. Ihn fror, seine Zähne klapperten. O kämpfen! kämpfen! Wogegen, das war ihm einerlei . . . Er konnte doch so nicht dahinfahren, er hätte auf einmal untergehn mögen in einer alles zermalmenden Tat, aber er vermochte nicht mehr zu denken, die ganze Welt schien ihm leer, so grausig still . . . Er legte sich endlich auf seinen Strohsack, und die Stunden gingen wieder über ihn hin, alles verflüchtigte sich, versank . . .

Wie war Jesus hereingekommen? Ahasverus lachte, ein albernes, klangloses Lachen, als er in dem bleichen Antlitz die Augen fiebrig glänzen sah. Es war wie an jenem Tag, am Stadttor. „Ich hab noch ein Messer,“ sagte Ahasverus, „das sollen sie mir nicht wegnehmen . . .“ Sie liefen auf die Straße, eingezwängt in ein hastiges Gedränge von Kerlen mit Keulen und Beilen und von Schmiedehämmern, die mächtige Schultern trugen. Von überallher, aus allen Gäßchen, kam Menschen- und Pferdegetrappel, ein jeder hatte die unausgesprochene Botschaft verstanden. Ahasverus lief, um vorne zu sein, und da stand er mit Jesus oben am Tempel, gegen die goldene Kuppel, so nahe bei der matt-schimmernden Milchstraße, daß er die roten Sternbüschel fast hätte pflücken können wie Früchte. Über Jerusalem blinkte, hoch am Himmel, ein Komet, unbeweglich in der wimmelnden Nacht, wie ein blutiges Schwert. Ah! ah! da begannen die Häuser der Wucherer in der Ferne zu brennen mit lustigem Knistern, und die Flammen flackerten und tanzten so toll in die schweflige Luft hinein . . . Aber sieh da, unten, im Dunkel, war ein surrendes Meer von bleichen Gesichtern, das sich über den ganzen Großen Markt heranwälzte gegen die Treppen und Portale. Wütend rammten die Sturmböcke; nun wird der ganze Kram einstürzen, dachte Ahasverus, denn das Marmorpflaster bebte unter seinen Füßen. Aber das schien ihm auch ganz natürlich; er war seiner Sache sicher: er würde mit wilder Freude in die Tiefe donnern oder sich vielleicht an die Sterne festklammern . . . Nun war das Volk hereingebraust wie durch Schleusen, er hörte das Kreischen vergewaltigter Frauen und ein langgedehntes, rasendes Gebrüll, dann und wann vermischt mit Trommelgewirbel und dem sinnlosen Schrillen einer Flöte, das da war wie das silberne Stimmlein eines Kindes auf einem Schlachtfeld. All dieser Lärm machte Ahasverus trunken, und es tat ihm wohl, den warmen Raubtiergeruch dieses stiebenden Gedränges einzuschnauben. Auf einmal stieg der todesbange, bloße Kopf des Gerichtsdieners über die Zinne empor; er wollte hinauf, denn von unten schrieen Tausende von Mündern Mord und Brand zu ihm hin, und seine Klauen in die Rinne gekrampft, flehte er um Gnade. Doch Ahasverus drückte mit seinen beiden Tatzen auf diesen verschimmelten Käsekopf und sah dann das Männlein mit lustigem Schwung in die schwindelnde Tiefe hinunterzappeln. Das machte ihn plötzlich ganz närrisch vor Vergnügen, es war, als ob er nun die Welt hätte zerknacken können wie ein Streichholz; mit einem blöden Lachen lief er die Wendeltreppe hinab, über seinem Kopf schlugen die Glocken, und er drehte, drehte sich unaufhörlich im Dunkel, weiter gehetzt durch den schrecklichen Gedanken, daß er so in alle Ewigkeit die Wendeltreppe hinunterlaufen müßte, ohne je einen Ausweg zu finden aus diesem Abgrund; aber er hörte noch deutlich die Glocken dröhnen und den Lärm da draußen, und er befand sich wieder auf dem Platz, gestoßen und getragen von einem wilden Menschenstrom. Der Schall schien wie ein Sturm aus den Steinen herauszuschlagen, er fühlte, wie seine Füße weich wurden von der Lauigkeit des Blutes, — er wollte sich loswühlen, er wollte rufen, aber dieses Blut stieg in ihm auf, es röchelte in seiner Kehle, er verschmachtete und rief, rief . . .

. . . und wurde mit einem Ruck wach auf seinem Strohsack, vom Fieber geschüttelt, und seine weit geöffneten Augen starrten in die wimmelnde Finsternis; sein Herz pochte . . . Aber er hörte immer noch den Lärm und das Glockengedröhn . . . Es war kein Traum . . . Er war nun doch wach, er erkannte das Geläut von mehreren Türmen, — nein, war es möglich? Aber von ganz fernher kam das dumpfe Getöse von vielem Volk, und mehr in der Nähe rasselte eine Trommel; wer schlug denn da Alarm zu dieser nächtlichen Stunde? Schritte eilten durch schlafende Straßen, er lauschte gespannt . . . Ja, das Volk war los, die Puppen waren am Tanzen, und die Glocken, die Glocken, sie sprangen über der Stadt hin und her! Dieser verteufelte Nazarener, er hatte es nun doch gewagt! „Ich habe noch ein Messer!“ lachte Ahasverus; ja, es war ein gutes freundliches Messerchen; „er wird schon sehn . . . er wird zufrieden sein . . .“ Und eine wunderbare Seligkeit stieg in ihm auf, mit solcher Gewalt, daß Sterben oder Leben ihm nun einerlei war, wenn er nur in wildem Triumph seiner Verzweiflung die Zügel schießen lassen konnte.

Er war schon draußen, sein Messer in der Faust. Die Frühlingsnacht war pechschwarz, als zöge ein Unwetter herauf. Ahasverus schauderte vor Kälte, und sein Kopf glühte. Das Geläute und Getöse hielt an, — wo war es? Er schwankte einen Augenblick, — er wußte nicht, wohin. Etwas von dem Traum wirkte fort in ihm, und er wollte zum Tempel, aber von einer anderen Seite stieg nun ein gewaltiges, wirres, vielstimmiges Geschrei auf und wuchs zu einer Wolke von Lärm.

„Am Bethlehemer Tor!“ dachte Ahasverus und fing an zu laufen. Hier und da wurde ein Fenster aufgestoßen: „Was ist los? — Ist der Feind im Land?“ Ängstliche Schlafmützen fragten es einander und riefen hinter Ahasverus her. Und er hielt immer nur sein Messer hoch wie ein Verrückter: „Jungens! . . . der Nazarener . . . es geht los . . .“

Nein, beim Bethlehemer Tor war es nicht, der Koloß des runden Wachtturmes machte die Nacht dort noch dunkler. Die Glocken dröhnten unaufhörlich . . . „Das Lagerhaus steht in Brand!“ sagten die Männer im Vorübereilen. Und Ahasverus hinterher. „Kein Stein auf dem andern!“ jauchzte es in ihm. Aber links glaubte er nun wieder das Getöse zu hören wie ein Meer, und er trabte durch krumme Gäßchen und verlief sich und geriet plötzlich ins Gewühl auf dem Platz vor dem Haus des Hohenpriesters Kaiphas. Der phantastische Schein von Fackeln, die vor der Tür zusammengeschart waren, tanzte über den Köpfen. Es wurde geschrieen und gelacht und geheult; halbbetrunkene Strolche drängten sich, um nur vorwärtszukommen, Schulter an Schulter, und brüllten ein aufrührerisches Lied. Ahasverus stieß und brüllte mit, aber sie konnten nicht weiter. „Haben sie ihn gefaßt?“ fragte er. — „Ob sie’s haben!“ . . . grinste jemand neben ihm, und Ahasverus blickte verwundert auf, denn er erkannte einen schmierigen Halsabschneider aus seiner Nachbarschaft, und dann starrte er mit ausgerecktem Hals zu den erleuchteten Fenstern, ob sie des Kaiphas höchsteigene Person nicht hinunterkegeln würden. Aber in dem selben Augenblick geschah etwas, das den Atem in seiner Brust stocken ließ: das Toben versank und verebbte in erwartungsvolle Spannung, es wogte ein großes Geschaukel von Fackeln und Volk, hocherhobene Posaunen bliesen eine wildschmetternde Fanfare, und da erschien auf der hohen Vortreppe, zwischen Landsknechten mit Piken, der Mann, Jesus der Nazarener, ganz bleich und still, mit gebundenen Händen.

Vor ihm her schritt der kleine Fettsack von Kaiphas, und Ahasverus sah, wie über seinem Wabbelkinn auf dem würdevollen Kupfergesicht mit den stechenden Schweinsäuglein die Befriedigung leuchtete. Und dahinter das aufgeregte Gebaren dichtgedrängter Priester und Pharisäer, die höhnten und pfiffen. Jesus blieb einen Augenblick stehen, aufrecht wie eine Bildsäule, aber sie stießen ihn die Treppe hinunter, und plötzlich war der ganze Platz wieder ein tosender Strudel.

„Laßt ihn los!“ riefen hier und da Stimmen. „Tötet ihn! Tötet ihn!“ bellten andere. „Er hat doch nichts Böses getan! . . .“ Wiederum Stoßen und Drängen; an der Ecke entstand eine Schlägerei. „Es lebe der König von Jerusalem! Uh! Uh! — Tötet ihn! — Laßt ihn los! . . .“

„Der Teufel soll ihn holen!“ schnaubte dicht neben Ahasverus ein Kerlchen mit gelbem Gesicht, „die Geschäfte gehen schon ohne all diese Aufrührer schlecht genug . . .“

„Aber sie werden ihn morden . . .“, sagte ein junger Mensch mit bebenden Lippen.