Und in der Nacht flüchtete Ahasverus mit Lene.

Als die Luft allmählich durchsichtig wurde, lagen sie am Saum eines Wäldchens; sie schlief noch in seinem Arm, gehüllt in ihre grauen Lumpen, und er, auf den Ellbogen gestützt, wachte und träumte und betrachtete ihr schlafendes Gesicht im Morgenlicht.

Er dachte an alles, was geschehen war, — an den Gesang der Engel in dem ewigen Morgenrot, an den Gesang des Meerweibes im feurigen Dunkel, — aber ohne Vorwurf, ohne Reue, — es waren alles Stimmen, die nachklangen in den Stimmen des großen Traumes, den er vorfühlte, unaufhörlich reifend, und der kein Traum war.

Er dachte an Christus, — an die Sehnsucht seiner Augen, an den Segen seines Lächelns, — und diese Augen und dieses Lächeln brannten noch tief in seinem Herzen; aber ein Schmerz war diese Glut nicht mehr, — er war etwas Besseres und Volleres geworden, als Freude selbst.

Als der Tag in der Stille des Taues gekommen war, wurde Lene wach, und Ahasverus sah Erde und Himmel in ihren vertrauenden Augen sich spiegeln.

Dann zogen sie zusammen in die Welt: denn der Wanderer wußte, daß er wandern mußte, frohgemut, und daß nichts gesünder war als solch ein Wandern . . .

Unter der Sonne, die in feuchtem Dunst die sprießende Schöpfung bestrahlte, glänzten die Weiden wie Weiher, in denen Perlengefunkel versunken lag; der Frühling begann vom Saft zu schwellen; die ersten zarten Blätter an den alten Bäumen längs des Weges erschienen wie ein hellgrüner Regenschauer, der da oben hängen geblieben war mit dem Zittern des hohen silbrigen Lichtes; und da hinten, weit, weit, war die Luft offen und klar, wie über dem Meer.

So gingen sie an Obstgärten mit Apfelbäumen entlang, die blühten voller Gezwitscher und Geflöte, an Dörfern und Feldern vorbei, wo die Menschen überall bei der Arbeit waren; und die erhoben den Kopf, als Ahasverus und Lene vorüberzogen, und grüßten: „Gott segne euch!“

„’s ist heute ja Karfreitag!“ sagte Lene.

So gingen sie, ihr Brot verdienend auf die eine oder andere Weise, neuen Sommern und Wintern entgegen, neuem Lebenskampf, neuem Leiden und neuen Höhen, — so gehen sie noch, und was einst die letzte Höhe und das Ende des Weges sein wird, kann zum Glück niemand verkünden.