„Und ob wir durchkommen oder nicht, das werden wir später schon sehn! . . .“

Die Genossen hatten sich dichter zueinander gedrängt, ein Wille begann zu sprechen aus diesen wüsten Gesichtern, die das flackernde Licht der qualmenden Lampe scharf umriß.

Ja! so brannte da auch ein Verlangen, das Geschlecht auf Geschlecht die Menschen durchbrannt hatte . . . Nutzlos vielleicht, ohnmächtig? . . . Wie viel solcher Aufwallungen, worüber die Zeit wie Wasser hinweggegangen war! Wie viel Herzen gleich diesen, die Blut geweint hatten und nun etwas geworden waren von jenem Staube, wovon ein Körnchen all den anderen gleicht! Aber wer weiß — Ahasverus blickte auf Lene, die still lächelte —, wer weiß, was aus einem Tropfen Blut einst erblühen kann? Und wer weiß, wie viel Tropfen Blut nötig sind, ehe die geduldig, geduldig wachsende Ernte einst blond von Reife die Menschen erfreut?

„Ob wir durchkommen oder nicht, das werden wir später schon sehn!“ So sprach das Leben, das, kampfbereit vorwärtsblickend, — auf den Tod vielleicht! darauf kam es nicht an! — doch lächelt, weil es das Leben ist, weil es dem Traume nicht widerstehen kann, der es immer reifer machen will.

„Ob wir durchkommen oder nicht, das werden wir später schon sehn!“ Sie fühlten es alle nun, bis zu denen, die unbeweglich stierten in ihrem Geneverrausch; und viele Blicke, die lange mutlos in sich selbst gekehrt gewesen waren, lachten einander zu, mit dem frohen Bewußtsein ihrer vereinten Macht, — so wie Ahasverus und Lene einander betrachtend ihre eigene Winzigkeit erkannten und zugleich eines in des anderen Blick das Vorgefühl lasen ihrer beider Göttlichkeit.

Aus einer Ecke stieg ein Lied auf, — es verlor sich in wirrem Gebrüll. Ja, singen, singen mußten sie nun! An einer anderen Stelle wurde von neuem eingesetzt, aber dann hob plötzlich eine alte Stimme an, vor der alle Stimmen schwiegen, denn wie alt sie auch war, beinahe furchtbar klang sie von Ernst und verhaltener Willenskraft: Hein war es, den weißen Strubelkopf kerzengerade aufgerichtet, die eine Faust geballt auf dem Tisch, unbeweglich, mit demselben festen, herausfordernden Blick wie damals, als er die Arbeit wieder aufgenommen hatte. Und es war eine seltsame Weise, die er sang, ein Lied von den alten Wassergeusen, er sang es feierlich und langsam, wie einen Psalm, — wo hatte er es hervorgeholt? Wie lange hatte es schlummernd in ihm gelegen, um nun auf einmal herauszubrechen? — Sie fragten nach dem Sinne nicht: es handelte von Aufruhr und Vertrauen, von Kampf und Glauben, und sie lauschten ergriffen und suchten halblaut den Kehrreim mitzusingen sie fühlten einander in dem alten Lied.

Ahasverus hatte Lene beim Arm gefaßt, und er flüsterte mit einer sonderbaren Betonung: „Ich halte dich fest! ich lasse dich nicht mehr los! . . .“ Sie ließ ihn gewähren und sah nach ihm auf, aber seine Züge waren wie gespannt in einer wilden, tollen Begierde, und in ihren flehenden Augen stieg da solch eine Angst auf, daß all seine Macht bezwungen hinfiel, und er konnte nicht anders, als das Mädchen, wie ein zartes Ding nun, an sich drücken, innig sanft, bis ihre Blicke ineinanderlächelten, mit der stummen Bewunderung, die in dem Blick eines Kindes sein kann.

Am anderen Tage brach der Ausstand aus, ungestüm und fröhlich; Ahasverus und andere wurden fortgejagt, aber sie lachten, denn sie sahen den Aufruhr hinter sich aufflammen. Ein und dieselbe Hoffnung pochte in aller Herzen.