Der folgende Tag war in Lust und Scherz hingegangen, indem einige Officiere der dortigen Division in die tausendfachen Annehmlichkeiten der Stadt und ihrer köstlichen Umgebung uns einzuführen bemüht waren. Nachdem wir lange zu Pferde umhergestreift und dann dem üppigen Nationaltanze zugeschaut hatten, zogen wir uns nach Mitternacht vom Kaffeehause nach unserm bequemen Logis zurück, wo die Wirthinn, eine ausgewanderte Murcianerinn, uns schwellende Betten bereitet hatte, wie wir seit Jahren so einladend sie nicht gesehen, mit dem Gaze-Netze gegen die Mosquitos sorglich versehen. Da weckte uns früh Morgens am 2. August das Wirbeln der Trommeln, wir erfuhren, daß eine feindliche Colonne gegen Chulilla heranziehe, weshalb die zwei Compagnien, welche in Chelva sich befanden, dorthin eilten. Es war die Brigade Ortiz, welche, 3000 Mann Infanterie und 400 Pferde stark, mit zwei Feldgeschützen von Valencia entsendet war, um die kaum begonnene Befestigung von Chulilla zu zerstören und dann gegen die Colonne Arévalo’s zu operiren.

Um acht Uhr Morgens waren wir in dem nur zwei Stunden entfernten Chulilla angelangt, einem kleinen, freundlichen Dorfe, über dem ein isolirter Felsen an den Guadalaviar gelehnt sich erhebt, der zur Errichtung eines Castells benutzt war, um dadurch sowohl el Turia nach Südwesten hin zu decken, als den Übergang über jenen Fluß und die Einfälle bis zum Xucar und in das Königreich Valencia den Unsern zu sichern. Kundschafter erschienen indessen von Minute zu Minute, die Bewegungen des Feindes zu verkünden; doch Arévalo blieb ruhig in dem Dorfe, wo den von allen Seiten sich vereinigenden Compagnien Brod und Wein nebst Munitionen ausgetheilt wurde. Erst als ein Bauer[84] die Nachricht brachte, daß die Negros nur noch eine kleine Stunde entfernt seien, schwang er sich auf’s Pferd und stellte sich an die Spitze der Bataillone; ich folgte ihm mit einigen Adjudanten auf einem Bergpferdchen, dem einzigen, welches ich hatte auftreiben können, und so klein, daß meine Füße nicht selten auf dem unebenen Boden streiften.

Etwa eine Viertelstunde von Chulilla entfernt zog sich der Weg zwischen zwei leichten Anhöhen hin; dort stellte Arévalo die drei Bataillone, welche sich vereinigt hatten, mit dem rechten Flügel an den Guadalaviar gelehnt, auf, während der linke einige Landhäuser besetzt hielt. Die Grenadiere und Jäger standen, in Tirailleurs aufgelöset, etwa vierhundert Schritt vorwärts in den Weinfeldern, und 40 Pferde wurden dem Feinde entgegengeschickt. Fast drei Escadrone waren in Chulilla zurückgeblieben. Kaum waren jene Dispositionen getroffen, als auf dem vorliegenden Höhenkamme die dunkele Colonne der Christinos sichtbar wurde, höchstens 2000 Schritt entfernt; sie zog langsam herab und rückte dann in drei Bataillons-Massen gegen unsere Stellung an, eine starke Tirailleurs-Linie vor sich ausbreitend und die Cavallerie auf beide Flügel vertheilt.

Ich hatte mich, eine Büchse in der Hand und die Patrontasche um den Leib geschnallt, der Grenadier-Compagnie des 1. Bataillon del Turia angeschlossen, welche nahe am Guadalaviar vorgeschoben war; pochenden Herzens und glühend von Ungeduld erwartete ich den Angriff der Feinde, jetzt da ich zum ersten Male nach so langer, schmerzlicher Ruhe, nach den tausendfachen Unbilden, die ich durch sie gelitten hatte, den Gehaßten mich gegenüber sah. Die Christinos drangen auf der Heerstraße fest vor, rechts und links durch die Cavallerie und einige Compagnien Infanterie gedeckt. Sie warfen mit Leichtigkeit die beiden Compagnien, welche dort sie empfingen, und erstiegen geschlossen die Anhöhe, auf der unsere Bataillone aufgestellt waren. Zugleich stürzte eine Escadron, welche im Trabe dem Flusse entlang avancirte, sich auf die Grenadiere, denen ich mich zugesellt hatte, und zwang uns, in ein nahes, mit niedrigen Weinstöcken besetztes Feld uns zu werfen, wo zwei Compagnien sofort mit dem Bajonnett uns angriffen. Einen Augenblick wichen die Grenadiere, die rechte Flanke der carlistischen Stellung entblößend. Aber sofort von ihren Officieren gesammelt und geführt, drangen sie wieder vor, trieben mit dem Rufe: viva el Rey! die beiden Compagnien vor sich her und nahmen das verlorene Weinfeld wieder, wobei sie zwanzig Gefangene machten.

Die Hauptmasse des Feindes aber rückte kräftig im Centrum vor, die carlistischen Tirailleurs mit einigem Verluste vor sich herschiebend, und seine beiden Escadrone des rechten Flügels jagten die dorthin gezogenen 40 Lanciers in die Flucht, zersprengten die Elite-Compagnien, welche nicht mehr Zeit hatten, sich in Masse zu bilden, und bedroheten die linke Flanke und selbst den Rücken unserer Bataillone in dem Augenblicke, in dem sie den Angriff der feindlichen Massen erwarteten. Die Lage der Dinge war kritisch; Mancher verfluchte wohl die Unvorsichtigkeit des Brigadiers, der unsere Reiterei unthätig in Chulilla ließ.

Da erschien plötzlich auf der Höhe, von welcher der Feind herabgestiegen war, ein starker Trupp Cavallerie, in eine dichte Staubwolke gehüllt; die Christinos verstärkend mußte er sofort unsere Niederlage entscheiden. Beide Colonnen standen bewegungslos, ungewiß, wem die im scharfem Trabe Nahenden Hülfe brächten, als ein langer Jubelschrei: son los nuestros! — die Unseren! — durch die Linie der Carlisten ertönte: die rothen und weißen Baretts leuchteten durch den aufquellenden Staub. Die drei Escadrone, welche Arévalo in dem Dorfe zurückließ, hatten dort den Fluß passirt, auf dem jenseitigen Ufer den Feind umgangen und fielen ihm nun in den Rücken, auf das linke Ufer zurückgekehrt.

Mit dem Losungsrufe viva Carlos quinto! stürmten sie gegen das nächste Bataillon der Christinos; großentheiles aus Rekruten bestehend, zerstreute es sich und riß auch das zweite Bataillon, das umsonst dem Drange sich zu entziehen suchte, in die Flucht fort. Arévalo gab zugleich das Signal zum allgemeinen Avanciren, und die sechs Elite-Compagnien warfen sich mit dem Bajonnette von vorn auf die nach allen Seiten Fliehenden, so die furchtbarste Unordnung erzeugend. Das eine Detachement der feindlichen Cavallerie ward gleichfalls zerstreut, da es zur Rettung der Infanterie unsere Escadrone chargirte, das andere stärkere floh, ohne zu kämpfen, auf Chiva. In einer halben Stunde war die ganze Colonne vernichtet, und die wilde Verfolgung der Fliehenden ward bis zum Abend fortgesetzt.

Nur die Jäger und Grenadiere der Bataillone waren zum Schuß gekommen und hatten etwa 120 Mann an Todten und Verwundeten eingebüßt. Dagegen wurden an jenem und dem folgenden Tage 1200 Gefangene nebst siebenzig Pferden und einer genommenen Kanone nach Chelva gebracht; die andere hatten die Artilleristen auf der Flucht in einen Brunnen gestürzt, wo sie unentdeckt blieb, bis einige Wochen später eine andere Division der Christinos sie herauszog und davon führte. Übrigens hatte der Feind, welcher nur 71 Todte aus dem Schlachtfelde ließ, von seinen Geschützen gar keinen Gebrauch gemacht.

Zweitausend Gewehre waren erbeutet, von denen die besten zur Bewaffnung einiger neu gebildeten Compagnien und zur Ergänzung der in der Division von Murcia fehlenden benutzt wurden, worauf Arévalo den Rest an den General Forcadell ablieferte, welcher damit das 7. Bataillon der Division von Valencia bewaffnete. Die Brigade Ortiz erschien nicht wieder im Felde. Uns aber empfing, da wir am Abend mit einem Theile der Gefangenen nach Chelva zurückkehrten, das Jubelgeschrei der treu carlistisch gesinnten Einwohner, gegen deren Insulte mit einiger Mühe die wehrlosen Christinos geschützt wurden. Sie bestanden fast ganz aus jungen, unbärtigen Männern aller Provinzen und schienen, vor wenigen Monaten mit Gewalt dem väterlichen Hause entrissen, nun fast erfreut, da ihre militairische Laufbahn für das Erste beendet war.

[79] Die Bewohner des Landes bezeichnen diese Wege mit dem nicht unpassenden Ausdruck der caminos reales de perdices — Rebhühner-Chausseen. —