Cabrera, der am Morgen in den vordersten Reihen der Tirailleurs mehrere Male nur durch das sehr gebrochene Terrain dem andringenden Feinde entkommen war, stürmte am Nachmittage mit zwei Bataillonen von Tortosa wieder vor, warf die ihm entgegenstehenden Massen über den Haufen und stand während der Nacht einen Flintenschuß weit von der am Morgen verlorenen Stellung. Als er aber am folgenden Tage, durch die detachirten drei Bataillone verstärkt, zu neuem Angriffe eilte, fand er das Castell in der Gewalt des Feindes: die kleine Garnison hatte es auf Befehl des Gouverneurs geräumt. Dieser wurde, da er Ordre erhalten hatte, bis auf den letzten Mann sich zu vertheidigen, nach dem Ausspruche eines Kriegsgerichtes erschossen.

O’Donnell zog sich auf Castellon de la Plana. Sein Heer war selbst in dem errungenen Erfolge außerordentlich entmuthigt und geschwächt, da es bei Tales gegen 4000 Mann eingebüßt hatte, während zugleich von allen andern Punkten des Kriegstheaters die niederschlagendsten Nachrichten einliefen. Die Unterfeldherrn Cabrera’s hatten die Entfernung der feindlichen Armee thätig benutzt, um bis zu den Thoren der großen befestigten Städte vorzudringen und das flache Land sich zu unterwerfen. Teruel, Daroca und Zaragoza waren blokirt, Llagostera, den Ebro passirend, fiel in Hoch-Aragon ein, Arévalo vernichtete die Brigade Ortiz, Polo durchzog und brandschatzte Mancha und die Besatzung von Cañete beherrschte die ganze Provinz Cuenca und drang selbst in Verbindung mit Beteta in das Innere von Guadalajara vor, wo sie am 6. August den berühmten Badeort Sacedon überfiel und mehrere hohe Hofbeamten der Königinn Wittwe nebst einigen Deputirten der Cortes gefangen fortführte.

Von nun an schloß sich O’Donnell in seine festen Plätze ein, ohne weiter den Operationen des carlistischen Feldherrn sich entgegen zu stellen. Er folgte ihm höchstens beobachtend in der Ferne und eilte bei seiner Annäherung unter den Schutz seiner Festungen zurück. Ohne Zweifel trug zu solcher Unthätigkeit die Erschlaffung und gänzliche Muthlosigkeit der christinoschen Truppen viel bei, da sie im Fall eines Zusammentreffens verderblich werden mußten; aber eben so sehr mochten den feindlichen General die Instructionen Espartero’s dazu bewegen, der, des Unterganges der carlistischen Hauptarmee in den Nordprovinzen gewiß, bis dahin Nichts auf das Spiel zu setzen befahl.

Cabrera aber flog mit gewohnter Thätigkeit nach Aragon und führte die schwere Artillerie von Alcalá la Selva über die Heerstraße von Teruel auf Segorve nach el Turia, wo er sie einstweilen in der Bergveste el Collado deponirte. Er vereinigte dort die Divisionen vom Ebro und von Valencia und die Brigade Arnau von der Division von Aragon nebst der kleinen Division Arévalo’s und der Besatzung von Cañete, zusammen 12000 Mann Infanterie und 1300 Pferde in 18 Bataillonen und 13 Escadronen. Llagostera stand mit dem Reste seiner Division in Nieder-Aragon, die vor kurzem gebildeten Bataillone 4. von Tortosa und 7. von Valencia nebst dem Bataillon Sappeurs und kleinen Detachements der andern Corps im Königreiche Valencia, größtentheils als Besatzung der festen Punkte, während zwei Escadrone von Tortosa am untern Ebro streiften und Oberst Bosque mit seinem Frei-Bataillon Schützen von Aragon die Festungen Alcañiz und Caspe blokirte.


Am Tage nach der Ankunft des Generals stellte Brigadier Arévalo mich ihm vor. Mein Vorurtheil gegen Cabrera mochte wohl Grund sein, daß ich in den kühnen Zügen etwas Wildes, Unheimliches zu erkennen glaubte, was mir späterhin nie mehr auffallend war. Übrigens ist das Äußere desselben so oft geschildert worden, daß ich das oft Gesagte nur nochmals wiederholen könnte; doch werde ich nie den Eindruck vergessen, welchen die Augen Cabrera’s auf mich machten, diese dunkel glühenden Augen, die in unaufhörlicher Bewegung feurige Blitze entsenden und, wohin sie sich fixiren, bis auf den tiefsten Grund durchbohrend zu dringen scheinen. — Diejenigen, welche seit einigen Jahren ihn nicht gesehen hatten, fanden ihn unendlich verändert und gealtert, Sorgen und rastloses Mühen hatten ihren Stempel dem jugendlichen Antlitze aufgedrückt.

Ich ward von Cabrera auf nicht sehr schmeichelhafte Art empfangen, wozu mein Äußeres, wie es damals wohl choquiren konnte, die Veranlassung gab. Schon durch meine Statur zog ich stets die Aufmerksamkeit der Spanier auf mich, da sie allgemein kräftig, aber untersetzt gebaut sind. Dazu war ich wahrhaft ausgemergelt durch die Leiden und Entbehrungen der furchtbaren Gefangenschaft in Cadix’ Casematten und die dadurch hervorgerufene Kränklichkeit, während die Gesundheit, welche kaum wiederzukehren begann, die Spuren des Elends in den hohlen Wangen und dem krankhaft bleichen Teint noch nicht zu verwischen vermochte.

Der lange Aufenthalt in jenen halbdunkeln, feuchten Räumen, in denen wir zum Lesen selbst bei Tage des künstlichen Lichtes uns bedienen mußten, hatte meine Augen so geschwächt und empfindlich gemacht, daß noch Monate lang nachher das Strahlen der Mittagssonne, in jenen Landstrichen doppelt blendend, da sie rings von den weißen Häusern oder von grau glänzenden Felswänden zurückgeworfen wird, brennende Schmerzen mir erregte. Ich pflegte deshalb die Augen durch blaue oder grüne Klappenbrillen gegen den widrigen Einfluß zu schützen und beging, wiewohl das Vorurtheil der einfachen Facciosos gegen alles nicht der Natur Angemessene mir wohl bekannt war, die Unvorsichtigteit, bei dem Gange zum General eine blaue Brille aufzubehalten, deshalb nichts Übeles erwartend.

Als Arévalo mit einigen gütigen Worten mich vorstellte, betrachtete mich Cabrera eine Sekunde und fragte dann, die Stirn in Falten gezogen: „Und diese Brille? Ist das Mode in ihrem Lande?“ Auf meine Erwiederung, daß nicht Mode, sondern die Rücksicht auf meine in den Kerkern der Christinos geschwächten Augen sie mich tragen mache, sagte er kurz: „Vorwand, carajo!“ Da konnte ich trotz dem Kopfschütteln Arévalo’s, der neben dem General stehend mir Schweigen zuwinkte, mich nicht enthalten, zu antworten, daß ich nie einen Vorwand gebrauchen würde, der übrigens in einer so ganz gleichgültigen Sache höchst unnütz wäre. „Aber carajo, ich mag keine Brillen, Herr!“ donnerte Cabrera los. — „So ersuche ich Ew. Excellenz um Paß nach Catalonien zu dem Heere des Grafen von España,“ bat ich fest, aber respektvoll.