In dem Augenblicke wandte sich Arévalo an den General und führte ihn an eine Fensterbrüstung, wo er eifrig mit ihm sprach. Bald traten sie wieder hervor und unterhielten sich mit den Officieren und Beamten, welche fortwährend mit Meldungen und Anfragen zu- und abgingen. Als ich endlich nach einer halben Stunde des Wartens mein Gesuch um den Paß wiederholte, erklärte mir Cabrera kurz, daß ich fürs Erste mit ihm kommen würde.
Arévalo, als ich bald mit ihm das Zimmer verließ, machte mir freundlich Vorwürfe über meine Empfindlichkeit und Schroffheit; er fügte hinzu, daß man unter Spaniern nicht jedes Wort so strenge nehmen und am wenigsten höher Stehenden so scharf erwiedern dürfe, wenn man nicht den unangenehmsten Händeln sich aussetzen wolle. „Ein Spanier, der so den Paß gefordert hätte, würde gewiß bei erster Gelegenheit erschossen sein; und Gelegenheit fehlt einem General nie.“
Wiewohl ich weder solche Macht des Generals noch solchen Charakter selbst im Spanier als allgemein anerkennen konnte, fühlte ich doch, daß mein Début mich auf etwas schlüpfrigen Boden stellte, und beschloß demnach, mit doppelter Vorsicht zu verfahren. Den Wunsch Arévalo’s aber, daß ich nicht wieder mit der ominösen Brille erscheinen möge, konnte ich unmöglich erfüllen; ich würde sie gern abgelegt haben, so wie der General mir ihretwegen nicht mehr Kälte zeigte; bis dahin hätte ich dadurch nur erbärmliche Schwäche kund gegeben. — Während der folgenden Tage sah ich Cabrera wiederholt und ward stets mit flüchtigem Blicke und leichtem Neigen des Kopfes freundlich empfangen.
Der General war, so lange er in Chelva weilte, in ununterbrochener Thätigkeit; sein Logis war stets gefüllt und umgeben durch Haufen von Landleuten, welche auf die Kunde seiner Ankunft von allen Seiten herzuströmten, ihre Klagen und Bitten ihm vorzulegen. Da war keine Wache, um die Zudringlichen zurückzuweisen, kein Adjudant oder Kammerdiener, um mit nie erfüllten Versprechungen die Armen abzuspeisen. Cabrera empfing selbst Jedermann, hörte die Beschwerden und half sofort, indem er durch einen Adjudanten die betreffende Ordre niederschreiben, oder, wo Geld helfen konnte, von irgend Jemand aus seiner Umgebung einige Duros oder Gold-Unzen sich geben ließ; denn die eigenen Taschen hatte er gewöhnlich in der ersten halben Stunde geleert.
War er nicht so beschäftigt, so dictirte er im Büreau und sah die Berichte durch, welche stündlich von allen Seiten an ihn einliefen; bald empfing er Confidenten, oft aus den fernsten Theilen der Monarchie, bald hielt er Revue über die Truppen oder inspicirte Magazine und Hospitale, allenthalben bis in die kleinsten Details prüfend und jede Verbesserung selbst anordnend. Vorzüglich oft wurden auch die Kriegscommissaire herbeigerufen, entweder — in Spanien sind sie alle anerkannte Spitzbuben — um furchtbar sie anzudonnern oder gar einen aus ihnen auf der Stelle erschießen zu lassen,[88] wenn durch ihr Verschulden die Bedürfnisse der Truppen unbefriedigt geblieben waren; oder um anzuweisen, auf welche Art sie neue Ressourcen sich öffnen konnten. Hin und wieder rastete der General ein halbes Stündchen in der Mitte seiner Officiere, meistens über die Ereignisse des Tages sich unterhaltend, bis irgend ein neuer Gedanke der Fürsorge für seine Freiwilligen der kurzen Muße ihn entriß.
Am 28. August brachen wir von Chelva auf, wo Arévalo mit seinen Bataillonen zurückblieb. Wir zogen, nur vier Bataillone und einige Escadrone, über Titaguas der Provinz Cuenca zu, wurden aber bald durch Theile der Division vom Ebro und von Aragon verstärkt; wir sollten, so hieß es, nach der Mancha ziehen, wiewohl die eingeschlagene Richtung eher auf die Provinz Guadalajara als das Ziel des Marsches zu deuten schien.
Nachdem wir in einigen unbedeutenden Dörfern geruhet hatten, setzten wir am folgenden Tage den Marsch fort. Da erschien ein Spion, von mehreren Bauern begleitet, und ward angelegentlich vom General examinirt; der Marsch ward beschleunigt, Ordonnanzen entfernten sich in scharfem Trabe rechts und links, und bald erzählten sich die Adjudanten des Generals, daß wir eine feindliche Colonne angreifen würden. Der Spion hatte die Nachricht gebracht, daß fünf Bataillone und drei Escadrone der Division von Cuenca langsam dieser Stadt zuzögen, da sie den Aufenthalt Cabrera’s in el Turia und die Anhäufung von Truppen daselbst erfahren hatten. Wir eilten daher, den Rückzug dorthin ihnen abzuschneiden.
Am Mittage des 30. August vereinigten wir uns mit General Forcadell, der einige Bataillone von seiner Division und vier Escadrone uns zuführte, dann stieß auch Valmaseda mit seinen Reitern und die Escadron von Toledo zu uns. Wir hatten ohne Aufenthalt den ganzen Tag marschirt, als ein neuer Confident erschien, dessen Mittheilung den General, der fast ohne zu sprechen an der Spitze der Divisionen einherritt, lebhaft anregte. Er wandte sich mehrere Male zu uns um mit den Worten: „los tenemos, Señores!“ — wir haben sie! — und Blitze sprühten aus den leuchtenden Augen. Die feindliche Colonne war nach Carboneras, vier Stunden von Cuenca, abmarschirt, um dort zu übernachten und am Morgen Cuenca zu erreichen.
Nachdem am Abend kurze Zeit gerastet war, setzten wir mit jeder Vorsicht wieder den erschöpfenden Marsch fort, dessen Beschwerden die Freiwilligen in der Hoffnung auf baldigen Kampf freudig ertrugen. Über schroffe Gebirge auf fast ungangbaren Pfaden schritten die Bataillone Mann hinter Mann einzeln hin, so daß häufig auf freierem Platze angehalten wurde, um die Queue der langgedehnten Marschcolonne nachkommen zu lassen; die Cavallerie aber schlug andere, weitere Wege ein, den Windungen der Thäler folgend. Kurz vor Tagesanbruch vereinigte sie sich mit der Infanterie; bald ward wieder Halt gemacht. Todtenstille herrschte unter den Truppen; eine dunkele Masse nicht achthundert Schritt vor uns sollte das vom Feinde besetzte Dorf sein, und doch verrieth kein Laut die Gegenwart lebender Wesen in ihm. Da schallte der eintönige Ruf der Schildwachen zu uns herüber — ein Jeder wohl athmete leichter, von schwerer Last die Brust befreit. Wenige Minuten später, als schon der Tag dämmerte, ertönte im Dorfe die Diana, die Feinde zum Morgen-Appell rufend.