In dem Augenblicke, da der General in das Haus trat, sah ich, wie einige Freiwillige drei verwundete Christinos, die einzigen überlebenden von den Vertheidigern, aus einem Winkel hervorschleppten; sie durchbohrten kaltblütig den Ersten, einen Officier, und hoben die Bajonnette, um die Andern, welche umsonst Gnade erflehten, zu opfern, als mein Ausruf des Entsetzens: „Halt, Infame, Pardon!“ ihre Wuth hemmte. Da herrschte Cabrera finster mir zu: „ich habe befohlen, kein Pardon, Herr Capitain!“ mit einem Zornesblick vom Kopf zum Fuß mich messend, wie ich nie so drohend ihn gekannt. — Mein Entschluß, Aragon zu verlassen, stand fest, während ich unmuthig nun mit verdoppelter Anstrengung in den Kampf mich stürzte.
Während der folgenden Nacht trieben wir den Feind, dessen Widerstand, wiewohl stets entschieden, doch augenscheinlich mehr und mehr erschlaffte, von einem Hause zum andern nach dem Mittelpunkte zusammen, nicht ohne manchen braven Gefährten einzubüßen. Beim Anbruch des Tages hielt er nur noch die Kirche mit ihrer unmittelbaren Umgebung inne, nach der er seine Pferde, Bagage und viele Verwundete gerettet hatte, und die in der Eile durch Öffnung von Schießscharten zur Vertheidigung eingerichtet war. Obgleich wir die verzweifelte Lage der Christinos kannten, welche, seit vielen Stunden ohne einen Tropfen Wassers, unmöglich lange ausharren konnten, befahl dennoch der General erbittert aufs neue den Sturm, als ein Officier, von einem Trompeter begleitet, sich zeigte und zu capituliren begehrte.
Ein Capitain von Tortosa ging zuerst bis zur Kirchenthür ihm entgegen, wohin ich mit andern Officieren ihm folgte. Als wir den kleinen Platz zwischen den Trümmern der zuletzt genommenen Gebäude und der Kirche überschritten, sahen wir in allen Schießscharten die Mündungen der Gewehre blitzen und dahinter die dunkel geschwärzten Köpfe der feindlichen Soldaten — wohl um zu imponiren; doch wurden sie auf unser Verlangen sofort zurückgezogen.
Die Christinos forderten nach kurzem Gespräche, während dessen einem jüngern Officier, da er seine unzähmbare Gier nach Wasser aussprach, seine Cameraden drohende Blicke der Wuth und Verachtung zuwarfen, daß ihnen freier Abzug nach Cuenca mit Waffen und Gepäck zugestanden werde. Als der General auf die Meldung des Tortosiners dagegen unbedingte Ergebung verlangte, baten die Parlamentaire, selbst zu Cabrera geführt zu werden, was sofort geschah. Sie bestanden nach langem Unterhandeln daraus, daß die Colonne erst nach acht und vierzig Stunden sich ergebe, im Fall kein Entsatz käme, daß ihr aber bis dahin Lebensmittel und vor allem Wasser geliefert werde. Da erklärte der General, die Uhr hervorziehend, daß, wenn in zehn Minuten die Kirche noch besetzt sei, Niemand lebend sie verlassen werde. Vor Ablauf der Frist zogen die Christinos compagnieweise aus der Kirche, von Pulverdampf und Rauch geschwärzt und verzehrt vom glühendsten Durst, so daß viele unter ihnen nicht mehr vermochten, ein Wort zu sprechen.
Über 2100 Mann, unter ihnen 450 Verwundete, streckten die Waffen, so daß wir mit den Gefangenen Forcadell’s deren etwa 2400 zählten; 1620 Mann waren unter den Trümmern des Dorfes und in der Action Forcadell’s umgekommen, während von der ganzen schönen Division nur 800 Mann von Reilla nach Cuenca entflohen waren. Auch fielen 140 Pferde und fast 4000 Gewehre in unsere Hände. Bei dem verzweifelten Widerstande des Feindes mußte natürlich unser Verlust gleichfalls bedeutend sein: mehr als 800 Mann waren außer Gefecht gesetzt.
Cabrera — ich muß es hier wiederholen — während er im Getümmel des Kampfes und vor Allem, wo er seine Freiwilligen um sich her fallen sah, keine Schonung kannte und, von Haß und Rache glühend, den fechtenden Feind bis auf den letzten Mann vernichtete; Cabrera bewährte gegen die Entwaffneten, die Gefangenen stets den Edelsinn und die Großherzigkeit, welche den Grundtypus seines Charakters bilden. Auch bei Carboneras wurden die Gefangenen mit ungewöhnlicher Großmuth behandelt. Sie behielten ihr Gepäck unangerührt, und den Officieren wurden selbst die Pferde für den weiten Marsch bis zum Depot gelassen, während alle ihre Bedürfnisse sogleich mit höchster Sorgfalt befriedigt wurden. Als aber dem General angezeigt ward, daß die Christinos kurz vor der Übergabe die in den Cassen befindlichen bedeutenden Fonds nach Verhältniß ihrer Grade unter sich vertheilt hätten, wobei man ihm bemerklich machte, daß er auf sie als königliche Gelder vollkommenes Recht habe, befahl er: „Nein, laßt es den Armen; sie werden mehr, als wir, es nöthig haben.“ Die unglücklichen Einwohner aber des zerstörten Dorfes sprach er für die Dauer des Krieges von jeder Abgabe und Leistung frei, ließ auf Kosten des Gouvernements die zerstörten Wohnungen ihnen aufrichten und bewilligte ihnen ansehnliche Vorräthe an Korn für den Unterhalt und die Aussaat.
Nach Beendigung des Kampfes bat ich den General von neuem um Paß nach dem Heere von Catalonien, und er gestand ihn ohne Schwierigkeit mir zu. Ich ersetzte die ganz erschöpfte Kraft durch Speise und kurzen, aber erquickenden Schlaf und ritt am Nachmittage auf Cañete zurück, nachdem ich einen letzten Blick auf das unglückliche Dorf geworfen hatte, in dem nur die Kirche mit vier oder fünf Häusern aus dem Trümmerhaufen emporragte. Gräßlich durch das Feuer verstümmelt, lagen Leichen in Entsetzen erregender Zahl unter dem mit Blut getränktem Schutte der zusammengestürzten Gebäude, aus dem noch hie und da dichte Rauchsäulen und zuweilen auflodernde Flammen sich erhoben. Ringsum waren die Bataillone und Escadrone gelagert, von der schweren, sieggekrönten Arbeit ruhend, nachdem sie jubelnd im feurigen Weine, der nach dem Kampfe ausgetheilt wurde, auf das Wohl ihres Königs und des angebeteten Feldherrn getrunken. Schmerzlich bewegt zog ich von dannen; ich beneidete die Braven, welche ich verließ, überzeugt, daß Großes ihrem Muthe vorbehalten sei. Unterweges traf ich viele Officiere und kleine Truppenabtheilungen, die ihnen sich anzuschließen eilten, so wie ein starkes Detachement Sappeurs, welches von Cañete herab zum Heere beordert war.
Nachdem ich wieder einige Tage bei dem wackern Arévalo zugebracht hatte, reisete ich über Vejis, Linares und Mosqueruela langsam nach Morella, von wo aus ich nach Catalonien abzureisen gedachte. Überall zeigten die Gebirge, welche ich zu übersteigen hatte, der wahre, ein mächtiges Hochplateau bildende Knoten der wilden Sierras von Unter-Aragon, jene Schroffheit und Unzugänglichkeit, welche im Königreiche Valencia mich frappirt hatten. Die Thäler aber waren nicht mehr so lieblich und so reich bebaut, wie dort; auch sie trugen das Gepräge der Ungastlichkeit und Rauheit, so wie die Wohnungen sich nicht durch jene Sauberkeit auszeichneten, mit der der Valencianer auch die Hütte anziehend zu machen weiß.