Dagegen ward ich überall wahrhaft herzlich willkommen geheißen und mit tausend Fragen über die Armee und ihre letzten Siege bestürmt, die gewöhnlich mit einem enthusiastischem viva Don Ramon! geschlossen wurden. Diese Bergbewohner hatten in der That seit dem Beginn des Krieges sich stets als echte Carlisten bewährt und standen daher hoch in der Gunst Cabrera’s, dessen sie sehr wohl sich erinnerten, wie er als Abanderado in dem Corps von Carnicer im Studentenrock und ein buntes Tuch turbanartig um den Kopf gewickelt[90] die Sierra’s durchstrich, oft nur durch die Ergebenheit der Landleute von den verfolgenden Streifparthieen der Negros gerettet.

Schon jetzt war in diesen Gebirgen, deren Bewohner, auf den Bau von Roggen und Kartoffeln beschränkt, durch Gewerbthätigkeit das Fehlende sich ersetzen, die Luft rauh und herbe geworden, und wiewohl am Mittage die belebende Wärme der Sonne in sengende Hitze überging, waren doch die Nächte schauerlich frisch, und schneidende Kälte begleitete die Winde von den mit Schnee bedeckten Höhen herab. So näherten wir uns gern den mächtigen Feuern, welche in allen Häusern einladend vom Heerde uns entgegen leuchteten, da hier im Gegensatz zu den nackten Hochrücken von Valencia das Gebirge mit reichen Fichtenwaldungen bedeckt ist.

Gegen das Ende September’s langte ich in Morella an, dessen Castell von seinem Felsblocke herab weit umher über die niederen Berge hin sichtbar war. Ich bewunderte die feste Lage der Stadt, wie sie hoch über die Thäler erhaben um den Fuß des schützenden Felsens malerisch sich gruppirt, und ich bewunderte die Bravour der Christinos, welche trotz so vieler von der Natur ihnen entgegengesetzten Schwierigkeiten bis zum Fuße der Bresche stürmend vordringen konnten. Aber Staunen ergriff mich, als ich den ungeheuren Felskegel vor mir aufgethürmt sah, auf dessen Gipfel das Castell wie durch Zaubermacht hingepflanzt scheint; als ich die senkrechte Wand betrachtete, wo die braven Castilianer furchtlos sie erstiegen! Unmöglich scheint es, daß Menschen solches Unternehmen im Geiste auffaßten, unmöglich, daß Menschen sich fanden, die nicht vor der Ausführung schaudernd zurückbebten. Dort auf dem schmalen, abschüssigen Absatze in furchtbar schwindelnder Höhe faßten die Stürmenden Fuß, dort, über dem Abgrunde schwebend, setzten sie die gebrechlichen Leitern an zur Erklimmung der noch eben so hoch über ihnen senkrecht aufsteigenden Felsenmasse!?

Noch ward ich durch Rücksicht auf einige Officiere, die nach Catalonien mich begleiten wollten, in Morella und dem nahen Orcajo festgehalten, als am 6. October Cabrera dort ankam, finster die Stirn umwölkt, während schwankende Gerüchte verkündeten, daß Espartero mit zahlreichen Heerhaufen in Zaragoza stehe. Nachdem er O’Donnell, der zur Beobachtung von Valencia über Teruel nach Castilien sich richtete, durch gewandte Demonstrationen getäuscht und zurückgedrückt hatte, war der General mit zwölf Bataillonen und neun Escadronen nebst sechs Geschützen über Beteta nach Guadalajara aufgebrochen, wo keine feindliche Colonne mehr existirte, die seinem Vormarsch auf Madrid sich hätte widersetzen können. O’Donnell aber befand sich weit entfernt im Königreiche Valencia, während Forcadell und Arévalo mit neun Bataillonen und vier Escadronen in Cañete und dem Turia zurückgelassen waren, um das feindliche Heer zu beobachten und den Rücken des vordringenden Corps zu sichern.

In stolzer Zuversicht durchzogen die Colonnen das fruchtbare Hügelland Castilien’s; schon jubelten die Freiwilligen, nur noch zwölf Leguas von der Hauptstadt entfernt, des nahen, herrlichen Triumphes gewiß[91] — da ordnete Cabrera den Rückzug an und führte die erstaunten Truppen in Eilmärschen nach Aragon zurück. Er hatte die Nachricht von dem schmählichen Verkaufe von Bergara und dem Übertritt Carls V. nach Frankreich erhalten.

Espartero war in Zaragoza angekommen, um mit O’Donnell vereint die Armee Cabrera’s zu erdrücken, der sich schon durch den Letzteren von dem ganz vertheidigungslosen Hochgebirge abgeschnitten sah, welches die Grundlage und den Kern seiner Macht bildete. Bei seiner Annäherung zog sich jedoch der feindliche Feldherr ehrerbietig in die Festungen zurück, ohne den Rückmarsch zu stören. Cabrera eilte, zum Todeskampfe sich vorzubereiten.

[85] Denn die ganze Stärke der Armee des Centrum mit Garnisonen u. s. w. war etwa 60000 Mann.

[86] O’Donnell wollte überall durch Massen siegen, den kleinen Krieg gar nicht kennend. So erreichte er zwar augenblicklich sein Ziel, aber stets mit so ungeheurem Verluste, daß jeder Vortheil dadurch einer Niederlage gleich wurde.

[87] Die beiderseitigen Vorposten pflegten sich zu unterhalten, oft auch sich zu höhnen und zu schimpfen. Da nun die Carlisten ihre Gegner fortwährend verspotteten, daß sie durch so wenige Bataillone zurückgehalten würden, ward endlich der feindliche Führer durch die immer wiederholten und immer gleichlautenden Nachrichten von seinem Irrthum überzeugt.