Die Bataillone, welche bisher diesen Massen entgegenstanden und sie fesselten, existiren nicht mehr. Die Männer, welche, die Waffen in der Hand, ihre Gebirge gegen alle Anstrengungen der mächtigen Usurpatorinn vertheidigten, unterwarfen sich, verkauft von dem General, den sie mit hoffnungsvollem Enthusiasmus an ihrer Spitze sahen, dem verachteten Feinde, oder sie mußten mit dem Herrscher, für den ihr Blut geflossen, im fremden Lande unwillig gewährten Schutz suchen.
Maroto hatte sein Werk vollbracht. Nachdem er die Generale, deren Ergebenheit er fürchtete, meuchlings hingemetzelt, nachdem er den Geist der Truppen durch fortwährendes Weichen ohne Gefecht, durch Aufgeben aller Vortheile und weiter Landstrecken geschwächt und ihre Zuversicht, wie die der Einwohner, untergraben hatte, krönte der treulose Feldherr seine Schande, da er am 29. August 1839 den Kern der ihm anvertrauten Armee dem Feinde in die Hände spielte. Die Umarmung von Bergara, wie Christina’s Liberale den Act der Überlieferung nannten, zeigte den erstaunten Völkern das Schauspiel eines Generals, der, von seinem Könige mit dem höchsten Vertrauen, ja mit fast königlicher Macht geehrt, diese Macht und dieses Vertrauen benutzte, um seinen Herrscher, seinen Wohlthäter den empörten Unterthanen desselben zu verrathen und aus dem angestammten Reiche ihn zu vertreiben.
Es ist nicht zu verwundern, daß Carl V. unfähig, solche Niedrigkeit zu ahnen, bis zum letzten Augenblicke das künstlich um ihn geworfene Gewebe nicht durchschaut, und daß er dann, als zu spät die Wahrheit ihm klar ward, die Besonnenheit verlor und zagend floh, wo entschlossene Maßregeln und Energie die Schandthat zwar nicht mehr verhüten, aber doch ihre Wirkungen schwächen und sie weniger entscheidend machen konnten. Anstatt, da er nicht mehr auf dem bisherigen Kriegstheater sich halten konnte, an der Spitze der ihm gebliebenen, stets entschieden treuen Bataillone zur Vereinigung mit den Armeen sich durchzuschlagen, welche in Catalonien und Aragon für ihn kämpften, ließ der König nach der Gränze von Frankreich sie zusammendrängen und zog sich endlich mit ihnen in dieses Königreich zurück.
Nach so bitterer Täuschung an Allem verzweifelnd bewog ihn sein immer gleich milder und christlicher Charakter, ferneres Blutvergießen zu vermeiden. Ich wiederhole mit tiefem Schmerze: die Eigenschaften Carls V. hätten ihn zum großen, Segen spendenden Monarchen gemacht, wenn ihm gegeben wäre, in ruhigerer Zeit friedlich sein Volk zu regieren. Das Schicksal wies ihm einen Platz an, der eiserne Brust und eisernen Willen erforderte.
Doch betrachten wir näher die Ereignisse, welche die Herrschaft der Carlisten in den baskischen Provinzen vernichteten und ihre Hoffnungen, die so schön erblüheten, auf immer brachen, da durch sie auch die Anstrengungen der Braven unnütz gemacht wurden, die im Osten Spaniens so erfolgreich für die Rechte ihres Königs stritten und zur Vollendung des von den Basken Begonnenen bestimmt schienen. Schwer wird es mir wahrlich, meine Blicke auf jene Zeit des Verbrechens und des Unterganges zu heften und mit Ruhe zu detailliren, wie der erkaufte Feldherr den Verrath vorbereitete und ausführte.
Jeder edel Denkende aber, welcher politischen Meinung er auch sei, mag er nun Carl V. als dem rechtmäßigen Souverain Spaniens oder den Anhängern der Tochter Ferdinand’s, wähnend, daß sie nicht bloß dem Namen nach Liberale seien, Erfolg gewünscht haben; er wird mit Abscheu auf den Mann sehen, den keine Verpflichtung zu binden vermochte, für den Treue und Dankbarkeit und Ehre bedeutungslose Worte waren, da allein niedrigste Selbstsucht ihn beherrschte und seine Handlungsweise bestimmte.
Maroto hatte während des Monates Mai die in der Provinz Santander und auf der Gränze von Vizcaya errichteten Forts dem christinoschen Heere übergeben, dann ohne zu schlagen die westliche Hälfte von Vizcaya geräumt und selbst in der Hauptstadt Orduña[92] den Feind sich festsetzen lassen. So schwächte er den Muth und die Zuversicht des Heeres und vor Allem des Volkes, welches den gehaßten Feind das Land überschwemmen sah, ohne daß die Truppen den geringsten Widerstand entgegengesetzt hätten; mit der Zuversicht aber schwand der frühere Enthusiasmus, wie der Wunsch nach Beendigung des immer drohender sich gestaltenden Krieges und nach Abhülfe der gehäuften Leiden täglich glühender wurde.
Da er diesen ersten Zweck erreicht hatte, glaubte er seine Pläne schon etwas bestimmter hervortreten lassen zu dürfen. Es galt, die Menschen nach und nach an den Gedanken des Beschlossenen zu gewöhnen. Bald sprach man öffentlich in den Provinzen von Unterhandlungen und Transactionen, und die Chefs, welche mit Maroto im Complott waren und denen er hauptsächlich in Vizcaya und Guipuzcoa alle wichtigeren Stellen hatte geben können, thaten, wie Viel sie vermochten, um ihre Untergebenen für diese Gerüchte empfänglich zu stimmen. Doch wie wenig klare Ideen die Masse über das Vorhaben ihrer Chefs sich machte, geht daraus hervor, daß bis zum letzten Augenblicke bald von der Heirath des Prinzen von Asturias mit der Infantinn Isabella, bald von dem Rückzuge des Königs nach Frankreich und dem Anerkennen der Fueros durch die Madrider Regierung gesprochen wurde, während noch öfter behauptet ward, Espartero wolle mit der carlistischen Armee sich vereinigen, um mit ihr gegen Madrid zu ziehen.
Mißtrauen und Unruhe nahmen indessen, da die Armeen bei so prekärer Lage wieder einige Monate ganz unthätig sich betrachteten, natürlich mehr und mehr überhand, und die navarresischen Bataillone, deren erprobte Anführer ja von Maroto hingemordet waren, geriethen in immer größere Gährung gegen diesen General. Am 9. August brach die Unzufriedenheit in offenen Aufstand aus, indem das 5. Bataillon, nahe der Gränze postirt, den Ruf erhob: „Nieder mit Maroto; es lebe Carl V. frei!“ Ihm schlossen sich mehrere andere, endlich fast alle Bataillone von Navarra an.