Jener Augenblick war der entscheidende. Hätte der König, dem gewiß schon von den Unterhandlungen, wenn auch nicht ihrer ganzen Ausdehnung nach, Kunde geworden war, an die Spitze der Navarresen sich stellen, dadurch ihre Erhebung sanctioniren und mit ihnen gegen den treulosen General sich wenden können, so würden die übrigen Truppen in der zu treffenden Wahl zwischen ihrem Herrscher und dem Verräther nicht geschwankt haben. Aber Carl V. war in der That nicht mehr König, nicht mehr frei; wohl hatten die Navarresen richtig seine Lage beurtheilt. Selbst als die Gemäßigten, von denen er umringt war, zu einer Zusammenkunft mit den Häuptern der Aufgestandenen ihn gehen ließen, damit er zur Unterwerfung sie berede, mußte er als Pfand der Rückkehr die Königinn in ihren Händen lassen. Maroto aber stellte, die Fortschritte der Royalisten zu hemmen, sofort die am meisten ihm ergebenen Truppen ihnen entgegen.

So hatte dieser Versuch der treuen Bataillone, die Allmacht des Generales zu brechen und ihren König dem drohenden Geschick zu entreißen, keine andere Folgen, als daß der Verräther sein Werk nun nicht in so großem Maßstabe ausführen konnte, wie er beabsichtigte, ehe die Navarresen seinem Einfluß sich entzogen.

Eben dieser theilweise Aufstand zeigte aber Maroto, daß er nicht länger zögern dürfe; er mußte fürchten, daß auch die Truppen der andern Provinzen, seine Absichten durchschauend und durch das Beispiel ihrer Cameraden aufgeregt, gegen ihn sich erklärten. Am 12. August verließ Espartero mit 20000 Mann und einem starken Artillerie-Train Vitoria und drang alsbald in Vizcaya vorwärts, Maroto wich fortwährend zurück, nur selten in ein Scharmützel sich einlassend. So besetzte Espartero, auf der großen Heerstraße vorgehend, am 22. selbst Durango ohne Kampf. Die Uneinigkeit und Verwirrung im carlistischen Heere stieg auf den höchsten Grad: schon waren Niemandem die Unterhandlungen der beiden Oberfeldherrn verborgen, und englische und französische Agenten eilten fortwährend von dem einen Hauptquartier zum andern. Espartero zog auch in Bergara ein.

Am 25. August hielt der König Revue über die dem Feinde gegenüberstehenden Divisionen, wobei das Bestehen und die Ausdehnung der Verschwörung ganz unzweifelhaft wurde, da mehrere Anführer schon ihrem Herrscher zu trotzen wagten, während dem General die vivas gebracht wurden, welche dem Könige versagt blieben. Nach der Revue wohnte dieser einem Kriegsrathe der vorzüglichsten Generale bei. Da legte Maroto, hart befragt, endlich die Maske ab; er gestand die Übereinkunft mit dem feindlichen Chef und legte die Bedingungen vor, welche ihm bewilligt waren. Die Sitzung wurde stürmisch. Die Verbündeten Maroto’s stimmten für ihn und stellten ferneren Krieg als hoffnungslos dar, die wenigen dem Könige Getreuen erklärten laut jene Unterhandlung für Hochverrath. Gänzlicher Bruch war die Folge.

Noch hätte rasches, energisches Handeln Vieles retten können, da die Armee keinesweges unbedingt den Verräthern gehörte; sie würde gewiß zu ihrer Pflicht zurückgekehrt sein, wenn Maroto und mit ihm die hauptsächlichsten Verschworenen, so wie sie offen ihr Verbrechen anerkannten und ihren König insultirten, augenblicklich ergriffen und vor der Front der Divisionen füsilirt wären. — Aber Carl V., nicht mehr wissend, wem er vertrauen durfte, wen er als Feind und Rebellen betrachten mußte, anstatt kraftvoll aufzutreten, schwang sich auf’s Pferd und schlug, von Wenigen begleitet, den Weg nach Navarra ein, den Truppen ein schmerzliches: „Kinder, wir sind verkauft!“ zurufend.

Maroto dagegen führte das Heer den Positionen des Feindes zu und stellte sich zwei Stunden von ihm entfernt auf, er hatte in den folgenden Tagen mehrere Zusammenkünfte mit Espartero, in denen endlich Alles angeordnet und festgestellt wurde. Am 29. August führte er, begleitet von den Generalen Urbiztondo, Cabañero, Simon de la Torre, Luqui und seinem glänzenden Stabe, zwei und zwanzig Bataillone — die Divisionen von Guipuzcoa und Vizcaya und fünf Bataillone von Castilien — nebst einer Schwadron und einer Batterie nach Bergara, wo das Heer der Christinos, in Schlachtordnung aufgestellt, sie erwartete. Ihm gegenüber rangirte sich das carlistische Corps. Die Castilianer wußten noch nicht den wahren Zweck der Vereinigung, aber die Feinde hatten alle nahen Höhenpunkte besetzt, so daß die Rückkehr schon unmöglich gemacht war.

Die beiden Generale umarmten sich vor der Front der Armeen, worauf Maroto eine Anrede an die Christinos hielt, während Espartero zu den bisherigen Carlisten sprach, die endliche Aussöhnung preisend und die Segnungen des Friedens, der nun das so lange verwüstete Land beglücken werde. Dann wurden die Gewehre zusammengesetzt, die Soldaten, dem Beispiele ihrer Anführer folgend, umarmten sich und begrüßten sich als Brüder, um endlich vermischt die Erfrischungen einzunehmen, welche zur Feier des Tages herbeigeschafft waren. — So hatte Maroto seinen Verrath vollbracht!

Nach dem Vertrage, der für die Provinzen Vizcaya und Guipuzcoa allein abgeschlossen war, da die Truppen der andern Provinzen sich nicht unterworfen hatten, sollten sie die Herrschaft Christina’s anerkennen, wogegen ihre Privilegien aufrecht erhalten würden. Den Officieren der überlieferten Divisionen wurden ihre Grade und Decorationen bestätigt, und die Verwundeten bekamen Pensionen, die Truppen aber sollten die Waffen niederlegen und in die Heimath sich zurückziehen, wenn sie nicht etwa vorzögen, in die christinosche Armee überzutreten. Diejenigen Officiere, welche Spanien verlassen wollten, bekamen viermonatlichen Sold ausgezahlt. Sehr Viele, welche getäuscht oder durch Gewalt nach Bergara hingezogen waren, verlangten sofort den Paß nach Frankreich.

Später sah ich mehrere Officiere und Soldaten der Bataillone von Castilien, die so schmählich in diese Umarmung sich verwickelt sahen und die erste Gelegenheit benutzten, um zu entfliehen und den Heeren von Catalonien und Aragon sich anzuschließen. Die Gefühle der Verkauften wage ich nicht zu schildern. Die Basken freilich, denen ja stets ihre Provinzialrechte Hauptmotiv und Hauptziel des Krieges waren, beruhigten sich bald, da die Bewahrung derselben ihnen zugesichert war, und hingerissen, wie der Soldat so leicht es ist, durch den Einfluß der Chefs, denen zu gehorchen sie so lange gewohnt waren. Aber die Castilianer, sie, die kein eigennütziges Streben, kein individuelles Interesse in die Reihen der Carlisten führte, wahrhafte Royalisten und entschieden für die Sache, deren Vertheidigung sie sich gewidmet hatten — die Castilianer wurden vom wilden Zorn ergriffen, da sie so den Liberalen sich übergeben, selbst zu Verräthern sich gestempelt sahen.

Doch sie wurden strenge bewacht, und während die Basken sofort zu friedlicheren Beschäftigungen entlassen wurden, sandte Espartero diese Getäuschten mit Bedeckung nach Vitoria und von dort in das Innere des Königreichs. Auf dem Marsche wurden Viele erschossen, unter ihnen einige Officiere, da sie auf dem Versuche zur Flucht ergriffen waren; die Übrigen wurden in Depots vertheilt, um erst später entlassen zu werden, ja Manche, die ihren Unwillen laut an den Tag gelegt hatten, ließ das Gouvernement nach den amerikanischen Colonien und den Philippinen einschiffen.