XXIX.
Am 13. October verließ ich Morella, um den Marsch nach Catalonien anzutreten, auf dem zwei Officiere mich begleiteten, die, in diesem Fürstenthume geboren, in der Armee desselben ihre Dienste fortzusetzen wünschten. Wiewohl bis dahin nur unbestimmte Nachrichten über die Ereignisse in den baskischen Provinzen mich erreicht hatten, wußte ich doch, daß Espartero mit seinen Divisionen schon in Zaragoza angelangt sei, und daß er öffentlich erklärt hatte, noch vor dem Ende des Jahres die Horden Cabrera’s zu Paaren treiben zu wollen. So, ich leugne es nicht, schmerzte es mich tief, daß ich die Armee des Helden verlassen sollte, für den in der kurzen Zeit, die ich in seiner Nähe mich befand, die höchste Bewunderung sich mir aufgedrängt hatte; ich bereuete fast als zu rasch den Schritt, der nun in so entscheidender Stunde, da Kampf und Gefahr bevorstand, von den bedroheten Kriegsgefährten mich trennte, die ich unter dem Feuer des Feindes achten und lieben gelernt hatte. Wann ist der Soldat mehr in seinem Elemente, als da er gewiß ist, daß bald das blutige Kriegsspiel in seiner wildesten Gestalt sich entfalten wird? Und ich sollte, den Ebro passirend, gerade jetzt so süßer Erwartung entsagen!
Doch ich beruhigte mich mit der Hoffnung, daß ja auch Catalonien’s Heer nicht unthätig bleiben werde, und ich jubelte in dem Gedanken, mit Truppen zu dienen, die, durch Organisation und Kriegszucht die ersten Spanien’s, als regelmäßige Armee und echte Soldaten im europäischen Sinne der Worte bezeichnet werden durften. Noch einen — ich wähnte, den letzten — Scheideblick warf ich auf das mächtige Castell, das trotzig Morella’s Veste überragt; dann zog ich dem Norden zu, so bald wie möglich das Heer des Grafen von España zu erreichen.
So wie wir den schroffen Gebirgsknoten hinter uns ließen, bei dem die Gränzen von Valencia, Aragon und Catalonien sich berühren, nahm das Land einen milden Charakter an, der immer an Lieblichkeit zunahm, je mehr wir zum Ebro hinabstiegen. Die Provinz blieb überall gebirgig, aber die Ketten nahmen an Höhe und Rauhheit ab, befruchtende Bäche, die bald in Flüßchen sich vereinigten, schlängelten sich zwischen ihnen hin, und die Thäler wie die Rücken der Hügel waren mit Olivenbäumen und Reben bedeckt, deren Früchte in lockender Reife prangten. Die reinlichen Dörfer und Landhäuser, welche rings umher freundlich winkten, zeigten an, daß wir stündlich weiter von dem Schmutze Aragon’s uns entfernten; sie waren überall mit reichen Frucht- und Gemüsegärten umgeben, und zahllose Feigenbäume, durch die Felder längs dem Wege zerstreut, boten zum zweiten Male im Jahre ihre nährende Frucht dem Wanderer.
Als wir endlich den das Ebro-Thal begränzenden Höhenzug erstiegen hatten, staunten wir bewundernd bei dem Anblicke der herrlichen Landschaft, die so ruhig und so reich vor uns sich ausbreitete, als hätte ununterbrochener Friede hier wohlthuend gewaltet, ohne je seine Gaben den Bewohnern dieses bevorzugten Landes zu entziehen. Ja, als ich diese liebliche Scene überschaute, in welcher der Ebro, breit und majestätisch, zwischen den Hügeln sanft hinglitt, die im Norden rasch steigend an dunkele Gebirge fern sich anlehnten; als ich die zahllosen Ortschaften im rosigen Scheine der Abendsonne so friedlich mit ihren fruchtbaren Gefilden glänzen sah, wie sie dicht an einander gereihet den Strom umkränzten — da verfluchte ich die Leidenschaften, die, in tausend Formen des Menschen Glück unterwühlend, auch in dieses Paradies die Thränen und das Elend einführten, ihre steten Begleiterinnen. — Die Ufer des Ebro wären wahrlich ein Paradies, wenn der Mensch nicht sie bewohnte.
Am vierten Tage des Marsches erreichten wir Flix, nächst Mora de Ebro der wichtigste Übergangspunkt über den Strom, welchen die carlistische Armee inne hatte, und seit kurzem leicht befestigt, um es gegen einen coup de main, besonders von der nahen Festung Mequinenza, zu sichern. Für die Verbindung mit Catalonien waren jene Punkte natürlich von hoher Wichtigkeit.
Wir waren genöthigt, in Flix zu rasten, da gerade eine feindliche Division in unserer Marschlinie auf Berga, die Hauptstadt des carlistischen Catalonien’s, sich befand und jede Communication interceptirte. Erst am 19. October zeigte der Gouverneur, höchste Vorsicht empfehlend, mir an, daß ich mit einiger Hoffnung auf Erfolg die Reise antreten könne, und da ich den Abmarsch eines Detachements, welches in wenigen Tagen aufbrechen sollte, nicht abwarten mochte, passirte ich mit den beiden Gefährten und meinem Burschen noch an demselben Tage den Fluß.
Als die Fähre langsam die spielenden Wellen durchschnitt, gedachte ich der Zeit, da ich fast zwei Jahre früher den gewaltigen Strom überschritt. Es war in den letzten Tagen des Jahres, und im Dunkel der Winternacht mußten wir in die brausenden Fluthen uns stürzen; denn das Wasser, nicht wie hier sanft und einladend, stürmte mit wildem Toben einher und riß die durch seine grimme Kälte Erstarrten mit sich fort zu schrecklichem Tode. Wie mancher brave Gefährte fand da zu früh sein Grab! — Und ich gedachte der Tage, die seitdem verflossen waren, in denen so Vieles mich traf, Gutes wie Übel; ich durchlebte wieder auf den Flügeln des Gedankens Leiden und Gefecht, das traurige Schmerzenlager nach schwerer Verwundung, die gräßliche, hoffnungs- und thatenlose Gefangenschaft, dann die Befreiung und wieder die Scenen des Kampfes und des Sieges über die Gehaßten. Hatte ich nicht hundertfach Grund, dem ewigen Erhalter innigen Dank zu spenden, da ich jetzt sorglos auf den tanzenden Fluthen mich schaukelte!
Sorglos! — Ha, wie so ganz anders gestalteten sich seit jener Zeit die Verhältnisse und die Hoffnungen der erhabenen Sache, deren Vertheidigung ich mein Schwerdt gewidmet hatte! Damals ja, duldeten wir viel von der Elemente Wuth und den Fatiguen, unvermeidlich in so schwierigem Unternehmen; damals umgaben uns rings Gefahren und Leiden, und Tod drohete in mannichfacher Gestalt. Aber wir litten Alles freudig und mit Enthusiasmus, wir jubelten bei dem Gedanken, den Krieg in das Gebiet der stolzen Feinde zu tragen, und wir vertrauten, daß der Erfolg, so viele Anstrengungen krönend, das ersehnte Glück uns bringen werde, den Monarchen, für dessen Rechte wir fochten und duldeten, siegreich auf seiner Vorfahren Thron zurückzuführen.