Jetzt war keine Hoffnung mehr für uns: das Heer, dem ich früher angehörte, war vernichtet, der König mit seinen Getreuen in fremdes Gebiet gedrängt, ein Gefangener. Die Massen der Feinde, die bisher jenem Heer gegenüberstanden, zogen nun heran, mit vielfacher Übermacht uns zu erdrücken; wir konnten nur noch streben zu unterliegen unserer würdig, zu kämpfen, bis auch die Möglichkeit des Kampfes genommen sei, und dann... Schrecklicher Gedanke: dieser entsetzliche Wechsel ist das Werk des Verrathes!
Aber eben dieser Gedanke, wie peinlich schmerzhaft er war, hatte etwas Erhebendes, Befriedigendes. Unsere Schaaren, aus so schwachem, so verachtetem Kern entsprossen, standen unbesiegt und drohend, die zahllosen Söldlinge der Revolution vermochten Nichts gegen die Kämpen der Loyalität; Bestechung und Verrath allein konnten uns besiegen. Da war es glorreich, besiegt zu sein. — Wie oft drängt sich das Gebet jenes Helden uns auf: „Schütze mich, o Herr, vor meinen Freunden, vor den Feinden werde ich selbst mich schützen!“
Unser Marsch war gefährlich, da wir über dreißig Meilen weit von dem eigentlichen Gebiete der catalonisch-carlistischen Armee entfernt waren, während auf dieser ganzen Strecke nur dann Truppen sich fanden, wenn die Communication zwischen den beiden Heeren sie dort nöthig machte. Der Weg, dem wir zu folgen beschlossen, führte uns fortwährend durch einen wilden Gebirgszug, in dessen schmalen und scharf abgesetzten, aber fruchtbaren Quer-Thälern, welche wir sämmtlich durchkreuzen mußten, unansehnliche Dörfer dicht neben einander lagen. Zur Rechten und zur Linken ließen wir, oft nur eine halbe Stunde entfernt, die Forts liegen, mit denen die Christinos, wie allenthalben, das Terrain besäet hatten, welches sie das ihre nannten;[95] und wiederholt verdankten wir den Warnungen der ganz royalistisch gesinnten Bauern unsere Rettung von den kleinen Streifcorps, die unaufhörlich das Gebirge durchschwärmten, um die Passage zu verhindern.
Es verdient bemerkt zu werden, daß in allen diesen Dörfern zwei Behörden etablirt waren, eine christinosche und eine carlistische, die, wie sie mit der einen Parthei oder mit der andern zu thun hatten, abwechselnd ihre Functionen ausübten. Diese Einrichtung, von den beiderseitigen Anführern stillschweigend anerkannt, hatte für die Truppen sowohl, als für die Einwohner viele Vortheile und Annehmlichkeiten. Doch entstand daraus für einzelne Reisende, wie wir es waren, der gefährliche Umstand, daß die christinoschen Autoritäten sofort den Feinden die Ankunft derselben pflichtgemäß melden mußten, was sie jedoch, gleichfalls Carlisten, gewöhnlich bis nach dem Abmarsche verschoben. Übrigens wurden die Behörden der einen Parthei nie von den Truppen der andern belästigt.[96]
Nach manchen Gefahren und erschöpft durch mehrtägiges Marschiren ohne Rast, da wir selbst in den abgelegensten Orten kaum die zur Zubereitung der einfachen Speise nöthige Zeit bleiben durften, hatte unsere Caravane, aus vier Menschen, eben so vielen Maulthieren und einigen Guiden bestehend, in der Nacht die letzte feindliche Linie überschritten, und am Morgen des dritten Tages leuchtete von einem hohen Felsen die befestigte Hermite von Pinos uns entgegen, die uns als carlistisches Fort bezeichnet war. Bald sahen wir einige Compagnien von der Armee von Catalonien: ich bedauerte nicht länger, ihr angehören zu sollen.
Nachdem wir im ersten Dorfe durch zwölfstündigen Schlaf uns gestärkt hatten, langten wir am 23. October in Casserras an, wo der commandirende General des Fürstenthumes, der gefürchtete Graf von España, an demselben Tage angekommen war.
Catalonien ist eine der größten Provinzen der Monarchie und ohne Zweifel die reichste: ihre Bewohner zeichnen sich eben so sehr durch Thätigkeit und Industrie aus, wie die meisten übrigen Spanier und besonders die Bewohner der wie Catalonien von der Natur begünstigten Theile durch Trägheit und Indolenz. Dabei sind sie wilden, heftigen Charakters, der in den niederen Ständen oft in Grausamkeit und Blutdurst ausartet, stolz, standhaft, ja eigensinnig in den Ideen und auch in den Vorurtheilen. Noch immer hängen sie mit Vorliebe, die in jeder Hütte wie eine alte Sage vom Vater auf die Söhne übertragen wird, an dem Hause Östreich, für das sie einst so hart gekämpft, so schwer gelitten haben; noch immer hoffen sie, wieder den östreichischen Stamm über sich herrschen zu sehen, und jeder Austriaco ist sicher, bis in die fernsten Gebirge hin Wohlwollen und freundlichste Aufnahme zu finden. Der Franzose aber, der verachtete Gavacho, findet nur Haß und nicht selten martervollen Tod.
Das Fürstenthum muß als aus zwei in mancher Hinsicht sehr verschiedenartigen Theilen bestehend angesehen werden. Das Flach- oder Küstenland, ganz hügelig, im Süden dem Ebro entlang und im Osten längs dem Ufer des Meeres sich erstreckend, ist mit zahllosen Städten bedeckt, die durch den Handel zu den reichsten der Halbinsel gemacht sind. Dort blühen Manufakturen und Fabriken, die Wissenschaften sind in hohem Schwunge, und das Land zeichnet sich aus durch das lieblichste Klima, welches alle Arten Südfrüchte in Fülle hervorbringt. Dort auch sind die festen Plätze der Provinz, dort herrschten stets die Statthalter Christina’s, und die Einwohner, wie überall, wo der Handel blühete, wenn nicht vorzugsweise der Herrschaft des Liberalismus geneigt, waren doch gleichgültiger gegen das Streben der royalistischen Parthei. Sie wollten Frieden, unter wem es auch sei.
Wenn man aber in die Gebirge sich vertieft, die von den Pyrenäen wild verschlungen gen Süden sich hinziehen, den größten Theil des Fürstenthumes bedeckend, nehmen alsbald Land und Bewohner einen andern Charakter an. Die Luft wird rauh; anstatt der Weingärten und Olivenhaine bedecken dichte Eichenwaldungen die Bergrücken und umgeben Getreidefelder die zahlreichen Dörfer. Große Städte werden seltener und fallen endlich ganz weg, wogegen kleinere Ortschaften und vor allen die einzelnen Gehöfte zunehmen, welche überall durch die Thäler zerstreut sind. Ackerbau und einige Viehzucht ist dort der einzige Erwerbszweig.