Don Carlos de España gehörte einer alten Familie des südlichen Frankreichs an, von wo er im Anfange der Revolution nach Spanien emigrirte; er trat als Officier in ein Linienregiment ein. Schon damals ward große Heftigkeit und Rücksichtslosigkeit in ihm bemerkbar, die selbst, da er als Adjudant einen Unterofficier im Dienst niederschlug, eine königliche Ordre ihm zuzog, durch die der Gebrauch des Stockes, der in Spanien den Adjudanten unterscheidet, ihm untersagt ward; erst als General ward er von der ferneren Befolgung dieses Befehles entbunden.

In dem Kriege gegen Napoleon commandirte de España ein kleines Corps, mit dem in Estremadura und Alt-Castilien unter Wellington’s Oberbefehl operirend, er wiederholt die Anerkennung dieses Feldherrn verdiente. Er zeichnete sich besonders durch die Strenge seiner Disciplin, so selten in den spanischen Truppen jener Periode, vortheilhaft aus. Unter Ferdinand VII., während dessen Regierung, so wie in seiner ganzen Laufbahn, er sich stets als reiner Royalist zeigte, ward er mit Gunstbezeugungen überhäuft, erhielt das Commando des Infanterie-Corps der Garde und wurde zum Grafen und Grande erster Classe erhoben.

Im Jahre 1827 brach in Catalonien und den angränzenden Provinzen die ultraroyalistische Revolution aus — wenn eine Revolution, deren Zweck ist, dem Könige die Art seiner Regierung vorzuschreiben, royalistisch genannt werden darf! — durch die Ferdinand VII. zur Entlassung seines zu gemäßigten Ministeriums gezwungen werden sollte. Der Aufstand verbreitete sich mit Schrecken erregender Schnelle, und jede Maßregel zeigte sich gleich fruchtlos. Da sandte der König den Grafen de España ab, ihn zu unterdrücken. Dieser beurtheilte richtig den Charakter des Volkes, mit dem er zu thun hatte: er etablirte in allen Städten Kriegsgerichte, harte Strafen wurden über die Theilnehmer, noch härtere über die Begünstiger der Empörung verhängt; zugleich verfolgte er mit unermüdlicher Energie überall ihre Schaaren. — Eine ungeheure Anzahl der Rebellen, man behauptet 30000, wurden hingerichtet, wohl eben so viele deportirt. In wenigen Wochen war die Ruhe ganz hergestellt.

Der Graf blieb dann als commandirender General in Catalonien, bis er im Jahre 1832, da Ferdinand schon unter dem Einflusse Maria Christina’s vegetirte, durch General Llauder abgelöset wurde, worauf er nach Frankreich abreisete. Übrigens war er von unbeugsamen, gebieterischem Character, gewohnt, in seinen Untergebenen nur Maschinen zu sehen, und nicht selten tyrannisch; dabei aber bieder und unerschütterlich gerecht und unpartheiisch gegen Hohe wie gegen Niedere. Die Soldaten hatten nirgend so Viel zu thun und zu leiden, wie unter seinem Commando, und waren dennoch nirgends zufriedener, da seine Strenge mit väterlicher Fürsorge gepaart war; der Officier aber mochte wohl sich vorsehen, denn sein Fehler fand nie Gnade bei dem General.

Zugleich erwarb sich der Graf die Zuneigung derer, die ihm nahe standen, durch Herablassung und Freigebigkeit, und er bezauberte Fremde leicht durch seinen scharfen Verstand und den Geist, der in jedem seiner Worte blitzte, wie durch unübertreffbar feines Benehmen.

Zwei Fehler verdunkelten die hohen Eigenschaften des kräftigen Greises, er gab den augenblicklichen Einfällen seiner Laune zu sehr Spielraum, und er wollte Alles ohne Ausnahme rücksichtslos auf militairisch despotischem Wege ordnen. Sein Despotismus, verbunden mit der durch die Verhältnisse bedingten Härte in der Bestimmung der Strafen, erwarb ihm zahlreiche Feinde, die mit spanischer Rachsucht den günstigen Augenblick erlauerten, in dem sie ihn wehrlos in ihren Händen sehen würden; während die nicht immer seiner Stellung angemessenen Seltsamkeiten, zu denen Caprice ihn verleitete, seinen Gegnern und den Pedanten, deren ja überall so viele sich finden, Veranlassung gab, ihn verrückt zu schelten, und ihnen manche Waffe gegen ihn lieferte.

Diesen Mann stellte Carl V. wiederum an die Spitze des Fürstenthumes, als jeder Versuch, die catalonische Faction zu einem geordneten Ganzen zu machen, gescheitert war; im Juni 1838 passirte er die französische Grenze. Wohl kannten ihn die Catalonier, und Carlisten wie Christinos zitterten, da sie dem gefürchteten Greise das Commando übergeben sahen. Sein Auftreten rechtfertigte sofort die Furcht und die Hoffnungen, welche der bloße Name des Grafen de España erregt hatte. So wie er in Berga anlangte, ließ er über der Stadt einen hohen Galgen errichten und verkündete zugleich, daß ein Jeder, der die geringste Veruntreuung oder Erpressung sich zu Schulden kommen lasse, ohne Gnade aufgeknüpft werde, ob es gleich der erste General sei. Und es blieb nicht bei der Drohung. Officiere und Soldaten, Beamte und Einwohner empfanden bald die unerbittliche Gerechtigkeitsliebe des alten Kriegers; mehrere der bisherigen Chefs wanderten nach Frankreich aus, Böses fürchtend, andere wurden abgesetzt und erhielten ganz unbedeutende, passive Stellen, und das Commando der Truppen wurde Männern anvertraut, die als wahre Royalisten und wahre Militairs sich bewährt hatten, oder die ihre Gesinnungen unter der Maske der Redlichkeit und des Eifers schlau zu verbergen wußten.

Da entwickelte der Graf in der Organisation seiner Truppen eben so viel Kraft wie Talent. In wenigen Monaten waren die nackten Horden, welche raubend und stets fliehend die Pyrenäen durchirrten, in eine Armee verwandelt, organisirt und disciplinirt, wie weder Carlisten noch Christinos seit dem Beginn des Krieges sie besessen hatten.[98] Die Infanterie, aus 21 Bataillonen in vier Divisionen bestehend, war stets vollkommen uniformirt und gewaffnet, und sie erhielt regelmäßig ihren Sold und ihre Rationen; die Officiere mußten abwechselnd die zu dem Zwecke errichtete Akademie besuchen, um zugleich in Theorie und Praxis sich zu vervollkommnen. Die Cavallerie, noch im Werden, da es sehr an Pferden mangelte, zählte drei Escadrone unter versuchten Chefs, die unter Zumalacarregui ihre Schule gemacht hatten.

Die Artillerie und das Geniecorps, so schwer zu bilden, wo auch die einfachsten Elemente für sie fehlten, brachte der General durch Zuziehung von fremden Officieren und durch fortwährende Instruction zu einem Grad der Brauchbarkeit, wie er sonst nach vieljährigen Anstrengungen selten sich findet. Kanonengießereien, Gewehr- und Pulverfabriken wurden angelegt und militairische Schulen für jede Waffengattung etablirt. Ja, es gelang dem erfahrenen Anführer, seinen Truppen mit der bewundernswürdigsten Subordination und Kriegszucht jenes Ehrgefühl und den esprit de corps einzuflößen, die so unendlich den moralischen Werth derselben heben und ihn verbürgen. Die ganze Armee bestand übrigens aus kaum 7000 Mann, da der Graf gleichfalls die Methode adoptirte, seine Bataillone möglichst zu vervielfältigen, um sich dadurch den Schein größerer Stärke zu geben. Die meisten Bataillone waren nicht über 300 Mann stark, manche namentlich nach Gefechten natürlich weit schwächer.

Indem aber der Graf sein Heer bildete, richtete er auch seine Aufmerksamkeit auf die Verwaltung, die von beiden Partheien so ganz vernachlässigt war. Da er höchste Ordnung und Regelmäßigkeit herrschend machte, waren seine Cassen stets gefüllt, und durch kraftvolle Maßregeln, denen der Respekt, welchen die Catalonier von früher her ihm bewahrten, besonderes Gewicht gab, vermochte er auch das Unglaubliche, daß der größte Theil der vom Feinde besetzten festen Punkte ihm regelmäßig die fälligen Abgaben und Contributionen zahlte. Die aber, welche dessen sich weigerten, verloren durch Gewalt den doppelten Werth des Schuldigen. Einem jeden der Districte, Barcelona nicht ausgenommen, setzte er militairische Gouverneurs vor, die, in irgend einem, oft weit entfernten Fort residirend, mit der Erhebung der Abgaben beauftragt waren; sie hatten selten Gelegenheit, über Säumniß der Behörden zu klagen.