In Irun, wo ein guter Gasthof sich findet, mußte ich einige Tage mich aufhalten, bis ich die Erlaubniß aus dem königlichen Hauptquartier zur Weiterreise erhielt. Da ward mir die erste Lection praktischer Menschenkenntniß und Klugheit, die dem Unerfahrenen in Spanien so oft zufallen sollte. Die Stadt war durch eine einfache Mauer geschlossen, und auf einer unbedeutenden Höhe, welche die große Madrid-Pariser Straße beherrscht, ward gerade eine Schanze angelegt, deren Einrichtung, da mir damals die Befestigungsart der Carlisten noch nicht bekannt war, mich nothwendig in das höchste Staunen versetzen mußte. Man denke sich ein regelmäßiges Sechseck, dessen Seiten durch eine sechs oder sieben Fuß starke Brustwehr mit vorliegendem Graben gebildet sind; auf der Brustwehr sind unendlich viele Schießscharten für das Infanterie-Feuer in Stein errichtet und vertikal, horizontal und schräg, in jeder Größe und Gestalt durcheinander geworfen. Das Sechseck ist so auf der Höhe angelegt, daß weite Strecken unmittelbar am Fuße derselben ganz unbestrichen bleiben, damit der stürmende Feind dort zur letzten Kraftanstrengung gedeckt sich sammeln und ordnen kann, während doch die Gestalt des Hügels eine Befestigung erlaubt, deren Theile sowohl sich wechselseitig flankiren und schützen, wie den ganzen Abhang und Fuß bestreichen können.
In der That war dieses Werk das Erzeugniß der vereinigten Talente des Gouverneurs und einiger dort garnisonnirender Officiere, die, da sie vor dem Aufstande nie daran gedacht, daß das Vaterland je ihrer Fähigkeiten zu seiner Vertheidigung bedürfe, nun den Mangel an militairisch-wissenschaftlicher Ausbildung schwerlich durch ihren Eifer ersetzen konnten — wie brav sie auch, darin allen carlistischen Officieren gleich, dem Feinde gegenüber sein mochten. Der Gouverneur, so wie er erfahren, daß ich preußischer Officier, führte mich zu der sogenannten Befestigung mit der Bitte, ihm meine Meinung über sein Werk zu geben. Da ich nun aus natürlicher Schüchternheit wie in der Furcht, Zweck und Plan desselben wohl nicht zu verstehen, zurückhaltend und billigend darüber sprach, ward ich sofort von dem Gouverneur für ein wahres Talent erklärt und glänzend fetirt. Als ich aber am nächsten Tage, nach Überlegung dieses für meine Pflicht haltend, einige der krassesten Fehler ihm andeutete und, da er widersprach, klar aus einander setzte, erkannte der gute Herr seinen gestrigen Irrthum, entschied plötzlich über meine Unwissenheit und Impertinenz und behandelte mich demnach mit der kalten, geringschätzenden Höflichkeit, die so sehr gegen seine vorige Herzlichkeit abstach.[8]
Bald ritt ich auf einem kräftigen Maulthiere, der großen Heerstraße folgend, über Tolosa, eine der ersten und angenehmsten Städte der baskischen Provinzen und bekannt durch seine ausgezeichneten Fabriken, nach Villafranca de Guipuzcoa, wo der kleine Hof Carls V. damals sich aufhielt. Wie schlug mir das Herz, da ich den Monarchen sehen sollte, für dessen Rechte kämpfen zu dürfen ich so freudig mich gesehnet! — für den gekämpft zu haben ich immer stolz bin.
Am 31. Mai hatte ich die Ehre, Seiner Majestät vorgestellt zu werden. Der König empfing mich mit der Huld und Leutseligkeit, die einen Hauptzug seines Characters bilden, und die, da sie die Verehrung seines Volkes ihm erworben, doch gegen den Verrath Derer ihn nicht sichern konnte, die mehr als Alle seiner Gnade sich erfreut. Er ist klein, regelmäßig und kräftig gebaut, das Gesicht trägt den Stempel hoher Güte, das graue Auge verräth tiefes Gefühl, aber auch viele Sorgen, vielleicht Schmerzen; ein starker blonder Bart bedeckte den Mund. Die Stimme des Königs ist sanft und voll Melodie, er unterhielt sich mit mir in französischer Sprache, wie er gern mit allen Fremden es that, wenn sie selbst des Spanischen kundig waren. Er trug einfache Civil-Kleidung.
Es ist viel über den Privat-Character Carls V. wie über seine Eigenschaften als Herrscher gefabelt worden, und die öffentlichen Blätter aller Länder haben manches ganz Unwahre oder doch Entstellte über ihn im Publicum verbreitet. Wer hätte auch Anderes erwarten mögen, wenn er die Quellen berücksichtigte, aus denen die Mehrzahl solcher Urtheiler ihre Ansichten sich bildete: die Zeitungen und Flugschriften des liberalen Spaniens oder die Schriften von Männern, welche bittern Haß dem Fürsten weiheten, der im Nachbarstaate muthig der Verbreitung ihrer Grundsätze zu widerstehen wagte. Da ich überzeugt bin, daß die Wahrheit am vollständigsten die Verläumdungen widerlegt, die gegen den Monarchen, für den ich mein Schwerdt ziehen durfte, von allen Seiten erhoben sind, stehe ich nicht an, meine Meinung, wie ich auf eigene und solcher Männer Beobachtung sie gründete, die lange Jahre den Infanten und den König gekannt, schmucklos, weil sie der Ausschmückung nicht bedarf, darzulegen.
Will man par force Fehler in Carl V. auffinden — und er ist Mensch —, so möchte ihm der vor allen aufzubürden sein, daß er seine Geburt nicht in eine Periode versetzte, in der es ihm gegeben wäre, das Glück seines Volkes zu machen, statt daß er nun dieses Volk, durch Empörung oder durch Furcht ihm entfremdet, sich erst erobern sollte. Carl V. hat in der That alle die Eigenschaften, deren Zusammentreffen in der Person des Fürsten bei friedlicher Regierung die Blüthe des Landes auf den möglichen Höhepunkt treiben mag, und selten wurden sie von einigen der Schatten verdunkelt, welche ja alles Menschliche, wie erhaben es sei, trüben. Er ist mild und herablassend, streng beflissen, seine Pflicht stets zu erfüllen und unerschütterlich in der Vollbringung dessen, was er als solche erkennt; einfach, mäßig, enthaltsam in Allem, was ihn persönlich betrifft, ist er dagegen nachsichtig und großmüthig für seine Unterthanen, streng gerecht für Niedere wie für Hohe, Jedermann zugänglich, ein Vater seines Volkes. Sein Wort ist ein wahrhaft königliches Wort: bekannt ist der Tadel, den er offen gegen seinen Bruder Ferdinand aussprach, da dieser, dessen Zusagen, den augenblicklichen Umständen folgend, mit ihnen ihre Kraft verloren, nach seiner Befreiung durch Ludwigs XVIII. Heere das, was während der Herrschaft der Constitution geschehen, so wie den ihr geleisteten Eid für ungültig erklärte, da doch er selbst sie beschworen hatte. Da erklärte ihm der Infant Don Carlos, daß er lieber hätte sterben müssen als den Eid leisten, welchen die empörten Unterthanen von ihm forderten; wenn er aber die Schwäche gehabt, die aufgedrungene Constitution anzuerkennen, müsse er nun auch unwandelbar seinem Versprechen nachkommen.
Selbst die Fehler, welche in den Verhältnissen der letzten sieben Jahre als solche hervortraten, beruhen im Übermaße der Tugenden, welche den König auszeichnen, selten in seiner Erziehung. Die eigene Herzensgüte, sein Edelsinn erlaubten ihm nicht, die Erbärmlichkeit der Menschen und so Vieler besonders aus seiner nächsten Umgebung zu ahnen; er beurtheilte nach seinem Charakter den der Andern, schenkte daher leicht sein Vertrauen und ließ sich leiten von Denen, welche heuchelnd ihn zu täuschen wußten. Dazu erzeugte die hohe Religiösität des Königs ein oft ängstliches Festhalten an den Formen der Religion, wie sie von jeher als heilig sich ihm eingeprägt, und wie er bei dem Zustande der geistigen Cultur und den Neigungen seines Volkes sie vom wohlthätigsten Einflusse für dasselbe hielt. Die Spanier haben durch die Ereignisse der letzten zehn Jahre ihn gewiß nicht überzeugen können, daß die Reformen, welche ihre herrschsüchtigen Schreier für sie forderten, ihren Bedürfnissen wahrhaft angemessen sind und sie in einen glücklicheren Zustand versetzt haben; daß aber umfassende Verbesserungen in den kirchlichen Verhältnissen der Monarchie nöthig seien, daß große, tief eingewurzelte Mißbräuche von Grund aus vernichtet werden mußten, das war dem Könige eben so klar wie jedem aufgeklärteren Spanier, und wiederholt sprach er bestimmt darüber sich aus. Die oft im Auslande gehörte Behauptung, als ob mit der Herrschaft Carls V. auch die der Inquisition ins Leben zurücktreten werde, ist so absurd, daß jede Widerlegung derselben ganz unnütz ist: in Spanien ist es nie Jemand, welcher Parthei er angehöre, in den Sinn gekommen, Ähnliches aufzustellen.
Früher erwähnte ich, daß der Infant Don Carlos der Gegenstand häufiger Anschuldigungen gewesen ist. Alles was seine Feinde über Hof-Intriguen, über die letzte Zeit der Regierung Carls IV. und die spätere Constitutions-Epoche, so wie über die Aufstände in Catalonien und anderen Punkten des Königreiches gegen den erhabenen Fürsten vorzubringen gewagt, ist mehrfach vollkommen zurückgewiesen, dabei freilich dargethan, wie die Umtriebe der Umwälzungsmänner in ihm stets einen edlen und entschiedenen wie gefürchteten Gegner fanden, der deshalb das Ziel ihrer giftigen Anschwärzungen sein mußte. Wer wird aber nicht mit tief empfundener Bewunderung auf Carl V. blicken, wenn man ihn in den ersten Jahren nach seines Bruders Tode beobachtet, wenn man seinen passiven Muth sieht, der, wenn nicht immer in seinen Wirkungen, doch in seinen Quellen so hoch über der activen Kraft steht; die Standhaftigkeit, mit der er die glänzenden Anerbietungen der Usurpatorinn zurückwies, da ihm doch gar keine Hoffnung bleiben konnte! Wer sollte nicht den Fürsten hoch ehren, der in dem Luxus und der Verweichlichung eines spanischen Hofes erzogen, Monate lang ungebrochenen Muthes alle Drangsale des Flüchtlings im schroffen Gebirge erträgt, der, da Hunger, Durst, Kälte und Ermüdung zugleich auf ihn einstürmen, lächelnd seinen Treuen Muth einspricht, und die Thräne ihnen trocknet, welche Verzweiflung bei des angebeteten Souveraines Elend auf die bärtigen Wangen lockte! Der, da er wieder Macht und Herrschaft erkämpft, nur zu verzeihen und zu schonen weiß, der gestürzt durch den Verrath der Männer, denen er vertraut, gefangen in dem Lande, in dem er Schutz gesucht, unerschütterlich jeden erniedrigenden Vorschlag zurückweiset, was er auch dulden möge!
Carl V. im friedlichen Besitze der angestammten Krone würde ein zweiter Titus, die Wonne, das Heil seines Volkes geworden sein. Das Schicksal wies ihm einen Platz an, dessen Ausfüllung eben so viel Härte und Rücksichtslosigkeit nebst raschem Entschlusse und Energie, die Eigenschaften des Helden, erfordert, wie Don Carlos durch die entgegengesetzten Tugenden, die des Christen, des Menschen, hervorglänzt.