Nachdem ich auch dem Infanten Don Sebastian mich vorgestellt und seine Frage, ob ich gutes Wetter auf der Reise gehabt, beantwortet hatte, marschirte ich nach Hernani, da ich, zum Generalstabe von Guipuzcoa bestimmt, dort bleiben sollte, bis ich mich einigermaßen in der spanischen Sprache vervollkommnet. Es war mir angeboten, in das Genie-Corps zu treten, welches gerade gebildet wurde, und dem es noch sehr an brauchbaren Officieren[9] gebrach. Mit dem Zustande des Geniewesen, wie es damals war, ganz unbekannt und nicht glaubend, daß ein preußischer Infanterie-Officier nothwendig ein guter spanischer Ingenieur sein müsse, wie aus Vorliebe für meine Waffe, lehnte ich den Antrag ab und büßte so die Vortheile ein, welche ich durch den Eintritt in ein Corps gewinnen mußte, dem mehrere Jahre später die Verhältnisse mich dennoch angehören machten.
Ich eilte die berühmte Linie zu sehen, welche unser Gebiet von dem der Festung San Sebastian trennte, und die durch die Ankunft der englischen Legion und den Kampf, in dem Oberst-Lieutenant Evans unsere über jener Festung errichteten Werke genommen, neues Interesse gewonnen hatte. Von Linien war da freilich wenig zu sehen. Sie beschränkten sich auf niedrige, von lose über einander gelegten Steinen gebildete Mäuerchen, welche Parapete genannt wurden und übrigens nur stellenweise sich vorfanden, so daß sie höchstens das offene Vordringen einer Streifparthie erschweren konnten, während sie bei ernsterem Gefechte sofort mußten über den Haufen geworfen werden. Hinter ihnen standen in einzelnen Häusern unsere Vorposten, die jedoch mit Posten nur den Namen gemeinschaftlich hatten. Das Terrain war dabei sehr zerrissen, von Schluchten und Felszügen durchschnitten, und es wäre dem Feinde, hätte er je die Idee eines Handstreiches zu fassen gewagt, leicht gewesen, zwischen diese sogenannten Linien ganze Colonnen zu schieben oder die Vorposten aufzuheben. Doch wurde die Linie später den Regeln der Kunst gemäß angelegt.
Die der Feinde, von englischen Officieren construirt, stützte sich rechts auf San Sebastian und seine Forts, links auf Passages, oder besser auf die Redoute, welche auf der Höhe von Passages errichtet und mit der Artillerie der englischen Marine garnirt war. Die Linie bestand aus einzelnen dem Terrain nach angelegten Schanzen und Parapeten, die sich wechselseitig vertheidigten, und ein Theil derselben ward von den Geschützen der englischen Kriegsschiffe flankirt, die bei allen Gefechten vor San Sebastian von so unheilvollem Einflusse gegen uns waren.
Meine Sehnsucht, endlich die Kugeln der Christinos pfeifen zu hören, sollte bald befriedigt werden. Indem ich einige Skizzen des Terrains aufnahm, passirte ich eines unserer Wachhäuser und fand, um die Ecke eines Busches tretend, einen Felsenvorsprung, der die trefflichste Aussicht darbot, weßhalb ich bewundernd stehen blieb; ein Unterofficier, der offenen Mundes von dem Hause mir gefolgt war, blieb hinter einer nahen Hecke verborgen. Ich betrachtete die durch eine schmale Schlucht von meinem Standpunkte getrennten Brustwehren der Feinde und ergötzte mich an dem regen Treiben in dem Städtchen Passages, dessen Hafen, zwischen zwei steile Felswände wie in einen Riß eingezwängt und kaum auf beiden Seiten Raum für eine Reihe Häuser lassend, mehrere Schiffe enthielt und malerisch tief unter mir dem Blicke offen lag, während der Lärm der Seeleute mit dem Brausen des Meeres vermischt zu mir herauftönte. Da hörte ich plötzlich ein langes Zischen, von einem leichten Schlage auf den Felsen neben mir begleitet, dann rasch einen Knall von der andern Seite der Schlucht. Überrascht sah ich mich um und erblickte den guten Unterofficier in vollem Laufe nach seiner Wache begriffen. In rascher Folge zischten die Kugeln, hinter mir in den Busch schlagend oder Staub und Felsensplitter zu meinen Füßen losreißend.
Nachdem ich schwellenden Herzens an der mir neuen Musik mich erfreut und Zeit gelassen hatte, damit die Spanier die nordische Tollheit, wie ich oft sie sagen hörte, hinreichend anstaunen könnten, kehrte ich langsam zu dem Vorposten zurück, dessen Mannschaft vor der Thür versammelt mich anstarrte. Da ich am folgenden Morgen im Grase ausgestreckt lag, ward ich durch etwas nicht hoch über mir reißend schnell hin Schwirrendes aufgeschreckt und hielt es für einen gewaltigen Gebirgsadler: es war eine Kanonenkugel, deren die Engländer jeden Morgen zur Begrüßung einige unsern Vorposten zuzusenden pflegten.
Ich benutzte die Zeit, welche durch die augenblickliche Ruhe mir gegönnt war, um durch häufige Excursionen mit dem Lande, dem Geiste und den Sitten seiner Bewohner mich vertrauter zu machen. Die baskischen Provinzen — Guipuzcoa, Vizcaya, Alava — enthalten nebst dem kleinen Königreiche Navarra nur 250 bis 260 Quadratmeilen, welche vor dem Kriege etwa 650000 Einwohner zählten. Von diesem Ländchen waren etwa zwei Drittel im Besitze der Carlisten, während die Feinde, die Herren der spanischen Monarchie, auch die hauptsächlichsten Städte dieser vier Provinzen, San Sebastian mit seinem Gebiete, Bilbao mit Portugalete, Vitoria, Pamplona, viele andere Forts und die Hälfte von Alava und Navarra inne, alle bedeutenderen Städte befestigt hatten.
Das ganze Land ist von Osten nach Westen von den Pyrenäen durchzogen, welche in vielen Verzweigungen und mancherlei Formen wild durch einander geworfen, ihm den Charakter eines Gebirgslandes verleihen: nur die Hochebene von Alava und das herrliche Ebrothal Navarra’s, deren wir nie vollständig und dauernd uns bemächtigen konnten, zeichnen durch mildere, doch wieder unter sich ganz verschiedene, Gestaltung sich aus. Die Oberfläche des übrigen Landes besteht aus furchtbar hohen und schroffen, durchgängig mit reichen Waldungen bedeckten Gebirgsmassen, die durch reizende und äußerst fruchtbare Thäler in mannigfacher Gestalt intersektirt werden. In ihnen haben natürlich die Menschen ihre Dörfer und Höfe erbaut, und diese immer reich bewässerten Thäler, in denen jeder Fuß breit Landes mit Sorgfalt benutzt ist, bieten dem Auge und Geiste nach den wild majestätischen Scenen der Gebirge eine so willkommene wie liebliche Abwechselung.
Die Basken gewohnt, als privilegirtes Volk sich zu betrachten, geschieden von ihren Nachbaren durch die Barrieren, welche Natur, Politik und Vorurtheile so vielfach erhoben, sind stolz auf ihre Abkunft, ihre Unabhängigkeit und ihre Vorrechte, sie sehen die übrigen Spanier wie Fremde an und verachten sie als solche. Sie behaupten von den Phöniziern abzustammen, was jedoch keinesweges erwiesen ist; gewiß ist, daß sie seit undenklichen Zeiten und in allen den Umwälzungen, unter die die andern Völker der Halbinsel so oft sich beugen mußten, in ihrer Gebirgsveste sich unabhängig und unvermischt zu erhalten wußten. Ihre Sprache hat gar keine Verwandtschaft mit irgend einer jetzt bekannten, sie soll der grammatischen Bildung nach sehr reich sein und ist gewiß wohlklingend und kräftig. Doch sind die Dialekte derselben so mannigfach und so verschieden, daß oft die Bewohner der wenige Meilen von einander entfernten Thäler mit Schwierigkeit sich unterhalten, während die Sprache der französischen Basken von der der spanischen und selbst die der nur in den Gebirgen baskisch sprechenden Navarresen von der der Vizcainer so ganz verschieden scheint, daß sie oft sich gar nicht verstehen. Die allgemeine spanische Sprache — in Spanien die Castilianische genannt — hat in diesen Provinzen erst während der letzten Kriegsjahre sich etwas mehr ausgebreitet, doch nur als Luxussprache, und noch immer ist sie in den mehr zurückgezogenen Theilen ganz unbekannt.