Die Basken sind ein hohes, kräftiges Geschlecht, ernst und zurückhaltend, aber edelgesinnt, großmüthig, in hohem Grade gastfrei und ihrem Worte treu; fest und unbeugsam bis zur Halsstarrigkeit hängen sie dem Vaterlande, das heißt: ihren Provinzen, mit schwärmerischer Begeisterung an. Sie zeichnen sich im Allgemeinen durch Geist und Talent aus, sind kühn und thätig, voll Unternehmungsgeist und anerkannt als die unerschrockensten Seeleute und die bravsten Krieger der Monarchie; Viele haben als Hofleute und Staatsmänner sich glänzend hervor gethan. Außerhalb ihrer Heimath unterstützen sie sich brüderlich und erlangen dadurch ein großes Übergewicht über die andern Spanier, die, vor Allen die Catalanen, welche fast ihren Unternehmungsgeist theilen, am Hofe wie in allen Zweigen des Staatsdienstes ihre Landsleute so viel wie möglich fernzuhalten und zu stürzen pflegen. — Überhaupt darf man ohne Zögern aussprechen, daß die Basken in jeder Hinsicht vor den übrigen Bewohnern Spaniens sich auszeichnen; selbst Einfachheit und Reinheit der Sitten waren früher ganz in diesen lieblichen Thälern heimisch, und schmerzlich ist es, daß der Krieg auch hier seine gewöhnlichen Folgen, Verderbtheit und Verfall der Sitten, nach sich gezogen hat.
Die Wohnungen der Basken stechen durch bequeme Einrichtung wie durch größte Reinlichkeit hervor, und es macht einen besonders angenehmen Eindruck, diese blendend weißen Gehöfte über alle Thäler hingestreut zu sehen. Die Weiber, ihren Männern an Schönheit nicht nachstehend, wissen ihre Reize durch den höchst sittigen Anzug noch anziehender zu machen und sind in Erfüllung ihrer ehelichen und häuslichen Pflichten fast allen andern Spanierinnen weit überlegen; ihr Wesen erinnert wie ihre Gestalt an die nordischen Weiber, selbst das blonde Haar der kälteren Climate ist ganz vorherrschend.[10] Oft hörte ich die leicht Feuer fangenden spanischen Officiere bewundernd ihr Bedauern ausdrücken, da sie diese hohen, edlen Gestalten alle die schweren und unzarten Arbeiten des Ackerbaues verrichten sahen, die sonst den stärkeren Händen des Mannes vorbehalten sind. Denn außer Greisen und Kindern wurden wohl nur Verstümmelte oder sonst zur Vertheidigung des Vaterlandes Untaugliche in den Dörfern gesehen, so daß die Frauen und Mädchen genöthigt waren, hinter dem Pfluge die Stelle des Gatten oder der Brüder einzunehmen. Dabei ertönte ihr schwermüthiger Gesang, den schrecklichen Krieg beklagend und die Ehre und Treue der Nation verkündend; enthusiastisch wurden die fernen Männer aufgefordert, ihr Vaterland gegen die Wuth der Schwarzen[11] zu schützen, die Thaten der Vorfahren und der Gefallenen wurden besungen, und der oft wiederholte Name ihres großen Feldherrn zeigte, wie Zumalacarregui’s Andenken seinen Landsleuten theuer, wie seine Thaten ein Gegenstand des Stolzes für die Basken waren.
Der Reichthum dieser Provinzen muß vor dem Kriege auf einen erstaunlich hohen Grad gestiegen sein. Während zwei Heere auf so kleinem Gebiete sechs Jahre lang kämpften und das eine wie das andere hauptsächlich aus ihm seine Bedürfnisse zog, verarmte das Land doch nur nach und nach und ward bis zum Ende des Krieges nie ganz erschöpft. Wirklich haben die Provinzen alle Elemente des Reichthumes in sich, wie ihre Bewohner wohl den möglichen Vortheil daraus zu ziehen wissen. Der Boden ist äußerst ergiebig an Früchten jeder Art; Getreide, Taback, im Süden feurigen Wein erzeugt er im Überfluß; die Gebirge, mit schönen Waldungen in unendlicher Menge bedeckt, befördern die Viehzucht, die Haupthülfsquelle während des Krieges, während die Minen ausgezeichnete Metalle liefern, besonders viel Eisen, welche in den Fabriken des Landes trefflich verarbeitet werden. Die Lage desselben, die Berührung mit Frankreich und die sichern Häfen sind für den Handel sehr vortheilhaft, und die Privilegien, deren die Basken bis vor wenigen Monaten sich erfreuten, ließen alle jene Vorzüge noch herrlicher hervortreten. Sie verdienen deshalb und als hervorstechende Ursachen des Krieges nähere Betrachtung.
Die baskischen Provinzen vereinigten sich freiwillig, nicht durch Waffengewalt gezwungen, mit der spanischen Monarchie; die Bedingung der Vereinigung war die Aufrechterhaltung ihrer Privilegien — fueros — auf ewige Zeiten, wogegen die Basken den castilischen Königen den Titel ihres Herrn bewilligten. Demnach kann wohl kein Zweifel über die Unrechtmäßigkeit obwalten, die einem jeden Versuche der herrschenden Gewalt, um diese auf Verträgen beruhenden Rechte wider den Willen der Betheiligten umzustoßen, ankleben muß: die Abschaffung der Privilegien mag politisch klug, mag dem Besten des Staates als Ganzes angemessen sein; ungerecht bleibt sie immer.[12] Man weiß, wie Don Carlos in der Commission, der Ferdinand VII. die Prüfung dieser Angelegenheit aufgetragen, gegen solche Maßregel sich aussprach, weil sie ungerecht, der Ehre der Regierung zuwider sei, und wie das Gefühl der Dankbarkeit und der Achtung gegen ihren edlen Fürsprecher beitrug, daß die Basken für Carl V. sich erklärten. — Die Rechte des Königreiches Navarra, wenn auch von hoher Bedeutung, sind doch nicht so ausgedehnt, wie die der andern drei Provinzen.
Die Heftigkeit und Entschiedenheit des ganzen Volkes in der Vertheidigung seiner Privilegien spricht für deren Wichtigkeit. In der That sind die daraus den Basken entspringenden Vortheile unschätzbar: sie werden nicht sowohl von dem Madrider Gouvernement als von den durch sie und aus ihnen gewählten Provinzial-Ständen regiert, der König ist ihr Herr nur in so weit seine Verfügungen mit ihrem Willen übereinstimmen. Die Basken sind nämlich von aller Conscription und Truppen-Aushebung frei, es dürfen selbst mit Ausnahme des Kriegsplatzes San Sebastian gar keine Truppen ohne Genehmigung der Junta dorthin gesendet werden oder sie durchziehen; dafür unterhalten die Provinzen auf eigene Kosten ein Regiment, im Falle der Gefahr ist jeder Baske Soldat zur Vertheidigung derselben. Eben so wenig hat der König das Recht der Besteuerung oder der Gesetzgebung. Die Basken werden gerichtet von den Männern, die sie selbst aus ihrer Mitte dazu gewählt, so wie die ganze Verwaltung durch sie selbst nach ihrer Wahl geschieht. Daher bestimmte die Provinzial-Deputation den Bedürfnissen des Landes gemäß die Abgaben, deren Ertrag ganz im Lande bleibt; wenn die Madrider Regierung einer besondern Hülfe bedarf, wird sie ihr zuweilen als Geschenk und unter jedesmaligem Vorbehalte der Rechte bewilligt. — Die Legislatur der Provinzen ist ganz unabhängig und verschieden von der der andern Theile der Monarchie, und sie kann nur durch das Volk verändert werden: die Inquisition konnte daher, da sie im übrigen Spanien in der höchsten Blüthe stand, hier nie Fuß fassen. Dann ist jeder Baske Edelmann und hat in den andern Provinzen und den Colonien die Rechte eines solchen, was für die Erwerbung von Militair- und Civilämtern, bei Hofe u. s. w. früher von hoher Wichtigkeit war.
Das Recht aber vor allen andern, welches die Unzufriedenheit der Regierung und den Neid der andern Theile des Königreiches erregte, ist die Zollfreiheit. Während Spanien unter ungeheuren Aus- und Einfuhrzöllen seufzte, die den Handel lähmten und das Volk verarmten, war dieser glückliche Winkel nicht nur ganz frei von ihnen, er bereicherte sich auch durch den Zwischenhandel auf Kosten der ganzen Halbinsel. Freilich wurden die baskischen Provinzen und Navarra in Rücksicht auf Spanien ganz wie fremde behandelt, ihre Gränzen mit Zoll-Linien und Douaniers umgürtet; aber trotz aller Vorsichts-Maßregeln konnte der Schleichhandel, an dem die ganze Nation, so das Beschimpfende ihm nehmend, Theil nahm, nicht verhindert werden. Die Lage am Meere mit zahlreichen Hafenstädten und die Nähe Frankreichs erlaubte den Basken, die Waaren aus der ersten Hand zu empfangen, während die lange Ebro-Linie, da der Fluß dort im Sommer allenthalben Furthen hat, mit seinen beiden Flügeln bis zur Gränze und zum Meere, ihnen tausend Wege bot, um von Norden aus die verbotenen Waaren noch weit mehr durch Spanien zu verbreiten, als es im Süden von Gibraltar, etwas weniger von Portugal aus geschieht. So bildete sich in diesen Provinzen ein vollkommenes Schleichhandel-System, in dessen Folge dort die Reichthümer in noch größerem Maße sich anhäuften, als die Monarchie täglich mehr verarmte und in tieferes Elend versank.
So ist es leicht erklärlich, wie die Basken und Navarresen mit höchstem Interesse über die Beobachtung so ausgedehnter und wichtiger Rechte wachten. Das mit der Abneigung der Regierung stets wachsende Mißtrauen und die Schritte, welche langsam aber augenscheinlich dem Endzwecke, Aufhebung der fueros, zuführten, hatten entzündbaren Stoff in unendlicher Menge in dem Ländchen angehäuft: es bedurfte nur eines Funkens, um die Flamme wild ausbrechen zu machen und das Volk, argwöhnisch, stolz, auf sein Recht, seine Kräfte und seine Berge vertrauend, zu kühnem Aufstande zu vermögen. — Ferdinand’s Tod beschleunigte den Sturm.
[8] Dieser brave Officier starb den Heldentod in der kräftigsten Vertheidigung eines andern ihm anvertrauten Posten. — In den letzten Jahren des Krieges waren übrigens die Genie- und Artillerie-Corps der carlistischen Nordarmee auf einen hohen Grad der Vollkommenheit gelangt und zählten sehr viele ausgezeichnete Officiere, unter denen mehrere Fremde, Deutsche besonders.
[9] Zwei Deutsche, die Capitains Roth und Strauß, waren seit Kurzem in das Corps getreten und hoben es sehr. Sehr schmerzte es mich damals, die Landsleute nicht kennen gelernt zu haben.