XXXII.
In trübe Gedanken versenkt zog ich am 30. October aus den Thoren von Berga, welches ich wenige Tage vorher mit so freudigen Hoffnungen betreten hatte. Das erste dumpfe Gerücht von des Grafen Ermordung war am Morgen bis zu mir gedrungen, zu voreilig wohl, denn kaum konnte die Nachricht des auf dem Ufer des nicht nahen Segre Geschehenen so rasch herdringen. — Der Graf ermordet! Kaltes Grausen überlief mich, und eine innere Gewalt trieb mich vorwärts, weit, weit die Mauern hinter mir zu lassen, in denen die blutbedeckten Mörder hauseten.
Allein, denn meinem Burschen war die Erlaubniß, mich zu begleiten, vom General Segarra versagt worden, folgte ich auf meinem Maulthiere der Straße nach der festen Hermite von Pinos, von einem stummen Knaben als Führer geleitet. So wie ich das Fort verließ, begann schon die Gefahr, die jetzt, da ich ganz allein und unbewaffnet reisete, noch weit drohender, als bei dem Marsche vom Ebro herauf war; doch am Nachmittage wurde ich durch eine Gesellschaft überrascht, die ich freilich nicht erwartet hatte und unter jenen Umständen nicht eben wünschenswerth nennen konnte. Zwei junge Frauen holten mich ein und flehten, sie unter meinen Schutz zu nehmen. Die jüngere, kaum neunzehn Jahr alt, hatte fünf Tage nach der Hochzeit mit dem Bruder ihrer Gefährtinn den Gatten sich entrissen gesehen, da er, um wenige Stunden zu spät in das schützende Band der Ehe getreten, nach dem durch de España eingeführten Conscriptions-Gesetze für eines unserer catalonischen Bataillone ausgehoben war. Die zweite, vielleicht sechs und zwanzig Jahr alt, war seit dem Beginn des carlistischen Aufstandes von ihrem Manne getrennt, der, ein echter, freiwilliger Royalist in den Schaaren, welche Carnicer nach Ferdinand’s VII. Tode bildete, bei der Vernichtung derselben gefangen genommen und nach der Insel Cuba geschickt wurde, weil er sich weigerte, unter Christina’s Banner gegen die Vertheidiger seines Königs zu fechten.
Die beiden Frauen, in einem am Ebro liegenden Dorfe wohnhaft, hatten, wie häufig die Familien unserer Soldaten es thaten, ihrem Bruder und Gatten Wäsche und andere Bedürfnisse überbracht; zagend waren sie auf der Heimreise bis Pinos gelangt, da sie von der Brutalität der christinoschen Soldaten und vor Allem der Nationalgardisten, denen sie auf dem dreißig Leguas langen Wege bis zum Ebro so leicht begegneten, das Schlimmste fürchten mußten. So waren sie innigst erfreut, einem Mayor[108] sich anschließen zu dürfen. Natürlich erlaubte ich ihnen ohne Zögern, mich zu begleiten, aber ich mußte oft lächeln, wenn ich das Trio betrachtete, welches zu dreitägigem Marsche durch feindliches Gebiet und zwischen zwölf bis vierzehn feindlichen Vesten hin sich vereinigt hatte: ein Fremder, des Terrains gar nicht und sehr wenig der eigenthümlichen Sprache der Provinz kundig, ohne Waffen gegen den Feind und nur seinen Character als carlistischer Capitain habend, um von den Einwohnern die Bedürfnisse — Maulthiere, Rationen und Führer — sich zu erzwingen; und mit ihm zwei junge Frauen, welche, die dunkeln Gluthaugen in steter ängstlicher Bewegung, bei jedem Geräusch zusammenschraken und scheu zum Begleiter, Hülfe suchend, aufschauten.
Wenn die Carlisten, wie so oft, solche gefährliche Reisen machen mußten, pflegten sie bei Tage zu ruhen und nur bei Nacht den Marsch fortzusetzen, in der Dunkelheit ihre Sicherheit suchend. Ich beschloß nun, dieses zu benutzen und gerade das Gegentheil davon zu thun: ich marschirte nur bei Tage und strebte, besonders die gefährlichsten Punkte am Mittage zu überschreiten, wogegen ich des Abends irgend einen größeren Ort, wo möglich, oder sonst einen Weiler aufsuchte, wie sie auch in dem schroffsten Gebirge nur selten fehlten, um dort die Nachtstunden zuzubringen. Später, da ich häufig in ähnlichen Lagen mich befand, habe ich die Methode stets mit dem besten Erfolge angewendet. Denn da der Feind jene Gewohnheit des nächtlichen Marsches kannte, traf er demnach seine Maßregeln; er legte sich am Abend in Hinterhalte, die Einherziehenden erwartend, während er in der Nacht gern die Ortschaften vermied, da er jeden Augenblick die Ankunft eines carlistischen Trupps erwarten mußte, was bei der Abneigung der Bevölkerung gegen ihn leicht ihm verderblich werden konnte. Da war ich also mit einiger Vorsicht ganz sicher.
Am Tage dagegen wußte er die Carlisten ruhend und suchte deßhalb in ihren Schlupfwinkeln sie zu überraschen; dann zog ich aufmerksam meines Weges und war, wenn ich etwa einer feindlichen Streifparthie begegnete, immer zeitig genug von ihrem Nahen benachrichtigt, um über die zu ergreifenden Maßregeln mich entscheiden zu können.
Der erste, besonders Gefahr drohende Punkt auf meinem Marsche war die große Heerstraße von Barcelona über Lerida nach Zaragoza: sie mußte zwischen den beiden, anderthalb Leguas von einander entfernten Festungen la Igualada und Cervera überschritten werden, was bei unserer Hinaufreise nicht ohne viele Mühe und in steter Besorgniß um Mitternacht bewerkstelligt war. Jetzt kam ich, von den zitternden Weibern begleitet, um eilf Uhr Morgens bei der Straße an, nachdem ich von einer nahen Höhe das Terrain sorgfältig recognoscirt hatte.