Rechts, eine gute Viertelstunde entfernt, breitete sich, auf einem Hügel liegend, Cervera mit seinen aus schneeweißen Quadersteinen errichteten Befestigungen aus, hoch von zahlreichen Thürmen überragt, welche den früheren Glanz der Stadt beurkunden; noch jetzt enthält sie die einzige Universität des Fürstenthumes. Ich hatte den Übergangspunkt ihr so nahe gewählt, weil dort die Gebirge zu beiden Seiten bis nahe an die Chaussee sich hinziehen; übrigens wagten die Christinos nie anders, als in schlagfertigen Trupps, auch nur tausend Schritt weit aus ihren Werken hervorzugehen. Bis zu den Thoren von Cervera hin war die Aussicht frei, so daß wir deutlich selbst die Soldaten der Wache unterschieden. Links, jedoch in weiter Ferne, wurden die Thürme des Fleckens la Igualada sichtbar, welcher durch die zwischenliegenden Höhen unsern Blicken verdeckt war.

Stolz ritt ich die zweihundert Schritt hin, welche ich der Straße zu folgen genöthigt war, mit Staunen von den einzelnen Bauern angegafft, die, vom Markte in der Stadt heimkehrend, ihre unbeladenen Esel vor sich hertrieben. Ich wußte sehr wohl, daß ich von Cervera aus von den Feinden gesehen und erkannt wurde, denn ich hatte mein weißes Barett mit goldenem Quaste nicht abgelegt; und es lag etwas angenehm Kitzelndes in der Idee, so spottend der Einzelne den Vielen zu trotzen. Doch unterließ ich dabei nicht, meines Maulthieres gewohnten Schritt durch einige derbe Stöße zu beschleunigen.

Da plötzlich schrie eines der Mädchen auf und zeigte bleich mit dem Finger nach dem Seitenwege, welchen wir einschlagen sollten. Etwa dreißig Reiter in glänzender Uniform, kaum zweihundert Schritt entfernt, naheten in scharfem Trabe! Das hochmüthige Gefühl war schon durch den Anblick niedergeschlagen, da ich in einer Minute niedergehauen oder im glücklichsten Falle ein Gefangener sein mußte; an Flucht aber war nicht mehr zu denken, indem ich auf dem wenigstens tausend Schritt weit ganz ebenen Boden sofort eingeholt wäre. Was thun? — Doch ein zweiter Blick auf die Reiter machte mich zweifeln: rothe Voynas glänzten auf ihren Köpfen; sie mußten also, wenn das Unterscheidungszeichen nicht log, dem carlistischen Heere angehören. Aber woher dann diese funkelnden Uniformen, diese weißen Dolmans mit den Scharlachstickereien, woher die flatternden Pelze, wie ich selbst im Vaterlande nicht reicher und geschmackvoller zugleich sie gesehen?

Einen Augenblick später begrüßte mich der Officier, welcher das Detachement führte, mich befragend, ob irgend etwas Neues auf meinem Wege vorgefallen sei oder der Feind dort stehe, und meine gleiche Frage dahin beantwortend, daß Valmaseda’s Escadrone, denen er angehörte, den Ebro passirten, um zum Grafen de España zu stoßen. Er wußte noch Nichts von der Entfernung des Grafen; da dort aber nicht gerade der passende Ort war, um in weitläuftige Erzählungen uns einzulassen, setzten wir, glückliche Reise uns wünschend, bald den Marsch fort. Langsameren Schrittes, als die leicht davon trabenden Reiter, verließ ich die Heerstraße mit meinen niedlichen Gefährtinnen, die manchen derben Scherz der lebenslustigen Husaren hervorriefen.

Kaum hatten diese sich von mir getrennt, als ein Kanonenschuß von Cervera donnernd ertönte, alsbald dumpf von la Igualada beantwortet: das Signal, daß facciosos die Linie passirten. Ich beschleunigte den Schritt, da ich voraussetzen mußte, daß alle kleinen Streifcorps der Christinos nun in Bewegung kommen würden, um, wo möglich, irgend eine Beute zu erwischen, und bald hatte ich mich wieder in die tief eingeschnittenen Schluchten geworfen, die diesen südlichen Ausläufern der Pyrenäen einen so besonders wilden Ausdruck verleihen.

Munter und ohne weiteren Aufenthalt zogen wir bis zum Abend fort, wobei die Frauen, denen ich natürlich häufig mein Maulthier überließ, wiewohl hauptsächlich die Jüngere so zartes Äußere hatte, wie man in Deutschland vergeblich bei einer Bäuerin es suchen würde, die unendliche Gewandheit und Ausdauer der Gebirgsbewohner entwickelten, mein lebhaftes Staunen erregend. Sie hüpfen leicht wie die Gemsen auf den oft Grausen weckenden Pfaden hin und eilten jetzt im Fluge in die tiefen Abgründe hinunter, um dann wieder unermüdet den oft sich windenden und immer noch entsetzlich steilen Felsenweg hinaufzuklimmen.

Die Wege waren wirklich furchtbar, überall mit Absicht über die schroffsten und unzugänglichsten Theile des Gebirges geführt, oft fast unkennbar und durch loses Gestein plötzlichen Sturz in die gähnende Tiefe drohend; zugleich durchschnitten sie quer alle die schmalen Thäler, so daß ein ununterbrochener Wechsel von halb bis einstündigem jähen Aufsteigen und eben so langem, vielleicht noch gefährlicherem Hinabklettern Statt fand. Auch versicherten die Einwohner der Dörfer, welche wir in jedem Thale fanden, daß, ehe die carlistischen Truppen diese Verbindungswege öffneten, Niemand für möglich gehalten habe, dort zu passiren, so daß die Communication auf Stunden weiten Umwegen um den Fuß der Gebirge bewerkstelligt wurde. Unsere Freiwilligen pflegten stets die kürzeste Linie für ihre Märsche zu wählen, ohne die Eigenschaften des Terrains viel zu Rathe zu ziehen.

Als ich am Abend in einem niedlichen Dorfe Halt machte, waren wir bereits über sieben Leguas von der Chaussee entfernt; ich warf mich daher zu freilich nicht sehr ruhigem Schlafe auf eine Matratze neben dem Heerde nieder, nachdem ich den Alcalden mit seinem Kopfe dafür verantwortlich gemacht hatte, daß auf jeder dem Orte zuführenden Straße ein sicherer Mann zur Beobachtung aufgestellt werde.

Gegen vier Uhr Morgens weckte mich mein braver Alcalde, bestürzt mir meldend, daß ich nicht frühstücken könne; auf meine verdrießliche Frage: „und warum nicht, carajo?“ antwortete er mit tausend Versicherungen der Unschuld und Bitten, daß meine Herrlichkeit ihm verzeihe. Erst nach langem Drängen brachte er hervor: „im Augenblick sind die Negros hier, sonst hätte ich Ew. Herrlichkeit ja nicht geweckt.“ Da war ich freilich schnell auf den Beinen. Der Bauer, welcher, einer der ausgesandten Patrouillen, die Nachricht überbracht hatte, berichtete, daß er selbst einen Theil der Besatzung des nächsten, fünf Viertelstunden entfernten Forts den Weg gerade nach dem Dorfe habe einschlagen sehen, wohl von dem christinoschen Alcalden benachrichtigt; und daß die Schwarzen, da er auf Nebenwegen und laufend vorausgeeilt sei, in einer Viertelstunde anlangen könnten.

Das Maulthier, vom Wirthe als das beste des Thales gerühmt, stand schon seit dem Abend reisefertig, das heißt, mit einem ungeheuren Bastgeflecht zur Aufnahme des Gepäckes und mit einem Stricke statt des Zügels versehen, die beiden Gefährtinnen, auf der andern Seite des Heerdes ruhend, waren sofort munter. Also saß ich zwei Minuten nachher auf dem Strohsattel, mit einem großen, stark nach dem beliebten Knoblauch, dem Spanier das non plus ultra der Gewürze, duftenden Topfe, der das Frühstück enthalten sollte, vor mir, und geflügelten Schrittes zogen wir weiter dem Süden zu.