Ohne weitere Hindernisse überschritt ich den zweiten besonders gefährlichen Punkt, die Heerstraße von Tarragona nach Lérida. Als wir aber auf dem Gipfel eines Berges ankamen und nach kurzer Ruhe uns anschickten, zu dem am Fuße desselben liegenden Flecken eine gute halbe Stunde hinabzusteigen, tönte plötzlich lautes, verworrenes Geschrei zu uns herauf. Wir stutzten, denn der Schrei schien von Tausenden herrühren zu müssen, und ich hatte nicht gehört, daß eine Colonne sich in der Gegend befände. Ein Bauer, den wir bald trafen, konnte uns nur sagen, daß viele Soldaten dort unten seien, was dieselbe Ungewißheit bestehen ließ; als wir nun langsam hinabstiegen, oft anhaltend und lauschend, sah ich dunkele Reihen, von Gewehren überblitzt, sich uns entgegen schlängeln. Schon wollte ich umkehren, als des Führers Adlerauge die so oft ersehnten Baretts unterschied.
Es war eine Brigade des Heeres von Catalonien, die eine Excursion in das Ebro-Thal gemacht hatte, und deren Operationen, in dieser Richtung die kleinen feindlichen Streifparthieen verscheuchend, wohl viel beitrug, meinen Marsch ungefährdet zu machen. Das früher gehörte Geschrei aber rührte von den Vivas her, mit denen die Truppen eine Anrede ihres Führers erwiederten.
Wie oft habe ich die Idee gesegnet, welche Zumalacarregui bewog, die malerischen Voynas der Basken für seine Armee zu adoptiren! wie oft bin ich, so wie tausend Andere, durch sie aus Verlegenheit befreit oder gewarnt! wie oft haben sie aus der Furcht der Ungewißheit und selbst vom nahen Verderben mich gerettet! Wenn das glänzende Scharlach oder Weiß aus der Ferne leuchtete, war ich ja sicher, unter den Meinen zu sein; wo sie fehlten, nahte man nur mit der größten Vorsicht, da, wenn auch unsere Soldaten häufig blaue Voynas trugen, die Officiere doch durch jene Farben hervorstachen.
Ehe ich den Ebro erreichte, traf ich auf Valmaseda’s Escadrone, durch ihre Bravour, wie durch die Tollkühnheit und die fanatische Wildheit ihres Führers bekannt; eine treffliche Schaar: lauter kräftige Leute, echte Söhne Castilien’s, und getragen von stolzen andalusischen Hengsten, die sie auf ihren kühnen Zügen zusammenbeuteten. Diese Reiterei war das Schönste und Kriegerischste, was ich in Spanien sah, an Glanz den Elite-Regimentern der Christinos nicht nachstehend und in den dunkel gebräunten, bärtigen Antlitzen der Krieger das Gepräge langen und harten Kämpfens bietend, wie es nur in den ersten Zeiten der carlistischen Erhebung Statt finden konnte. Da sah der Guerrillero, wie das Wild durch die Gebirge auf den Tod gehetzt, oft Wochen lang keine menschliche Wohnung, und Wochen lang war er in den unzugänglichen Klüften zur Fristung des Lebens auf Kastanien und süße Eicheln beschrankt.
Am Abend des dritten Tages nach dem Abmarsche von Pinos dehnten sich wieder die fruchtbaren Auen des Ebro vor uns aus, und während meine Begleiterinnen nach herzlichem Abschiede den Fluß entlang freudig ihrem heimathlichen Dorfe zuschritten, trug mich die Fähre nach dem befreundeten Flix zurück.
Da erhielt ich denn trübe Nachrichten, wie ich freilich nicht so rasch sie erwarten konnte: Espartero stehe mit seiner ganzen Armee nur wenige Stunden von Morella und Cantavieja entfernt, und stündlich werde der Angriff auf eine der bedroheten Festungen erwartet; Cabrera mit einem Theile seiner Truppen habe sich dem so unendlich überlegenen Feinde beobachtend entgegengestellt. Meine Absicht, einen Tag im reichen Flix zu ruhen, war vereitelt, da ich vor Anbruch des Tages schon weiter eilte, um zu rechter Zeit zum Kampffeste anzukommen.
Doch wie ich vorwärts schritt, blieben die Nachrichten merkwürdiger Weise stets dieselben. Espartero war immer einige Stunden von Morella entfernt, Cabrera ihm ganz nahe, und die beiden Heere schauten müssig sich an. Diesen Stillstand mußte freilich unser braver General schon als hohen Sieg betrachten; seit Jahren nur gewohnt, zu vertheidigen und zu decken, hatte Espartero wohl vergessen, daß er anzugreifen und zu erobern hieher gekommen war, oder er mochte es schwer finden, für die Lieblingsmethode, durch die er die Nordprovinzen ohne Kampf und ohne Gefahr sich unterwarf, in Aragon sogleich bereitwillige Werkzeuge zu finden.
Da hielt denn der Siegesherzog mit seinen Sechzigtausend inne vor wenigen Bataillonen unserer Treuen, und ungewiß, wie die ihm neue Aufgabe des Erkämpfens mit den Waffen in der Hand zu lösen sei, stand er da Woche auf Woche, das so nahe und ihm doch unerreichbare Ziel seines Strebens anstarrend, ohne daß er die Hand zu seiner Erreichung auszustrecken gewagt hätte. Und dann erkannte er endlich, daß der Sieg, einem Cabrera gegenüber, doch wohl nicht so im Fluge erhascht werde. Anstatt, seiner phrasenreichen Ankündigung gemäß, vor dem Ende des Jahres die Horden der Rebellen niederzuschmettern, kehrte er, erstaunt über das, was er gewagt, zurück aus der drohenden Nähe, in die er ungehindert sich aufgestellt hatte — zu welchem Zweck, möchten wohl seine schmeichelnden Lobredner weit eher ausfindig zu machen wissen, als er selbst —; und er beschloß, doch lieber bei dem sicherern Systeme zu beharren, welches ja schon Titel und Ehren — wenn auch nicht Ehre — und Macht in Fülle ihm eingebracht hatte.
Verrath, Bestechung, Fälschung, Meuchelmord und Gift[109] sind die Waffen, deren Espartero als Meister sich zu bedienen wußte; durch sie sollte denn auch die Macht des gefürchteten Cabrera gebrochen werden. — Doch greife ich dem Gange der Ereignisse nicht vor!